Fünf Tage nach den Anschlägen in Spanien mit insgesamt 15 Toten sind alle bisher bekannten Mitglieder der islamistischen Terrorzelle tot oder in Haft. Die Flucht des mutmaßlichen Haupttäters Younes Abouyaaquob endete nur wenige Stunden nach dem Fahndungsaufruf.
Die katalanische Polizei erschoss den 22-Jährigen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Marokkaner am Donnerstag das Tatfahrzeug bei dem Anschlag in die Flaniermeile Las Ramblas gesteuert hat.
Auch fünf weitere Mitglieder der Terror-Zelle wurden von der Polizei in Cambrils erschossen. Es ist eine Entwicklung, die sich in jüngster Zeit zu häufen scheint: Kaum ein Attentäter wird lebendig gefasst, so der Eindruck, umso mehr dafür von der Polizei niedergeschossen.
Warum scheinen die Ermittler nicht alles daran zu setzen, die Attentäter lebendig zu fassen? Könnten im Falle einer Festnahme nicht möglicherweise noch wichtige Informationen über die Terroristen ans Licht kommen?
„Schneller Einsatz einer Waffe intendiert Gefahrenminderung“
„Bei den Terroristen ist immer anzunehmen, dass sie schwer bewaffnet sind. Für die Polizeibeamten entsteht dadurch ein Risiko, das sie nicht eingehen wollen, weil immer unklar ist, wie es ausgeht“, sagt Terrorexperte Rolf Tophoven zu FOCUS Online.
Die Flucht von Younes Abouyaaquob endete in den Weinbergen in Subirats. Dort wurde er von der Polizei gestellt und niedergeschossen. Ein Sprengstoffgürtel, den er trug, habe sich nach einer Untersuchung als Attrappe herausgestellt.
„Aus Sicht der Beamten wird mit dem schnellen Einsatz einer Waffe Gefahrenminderung intendiert – nicht zuletzt, weil die Terroristen häufig Sprengstoffgürtel einsetzen, die eine verheerende Wirkung haben können“, sagt der Terrorexperte. Der Einsatz von Sprengstoffgürteln sei aus der Sicht der Terroristen psychologisch geschickt. „Auch wenn es sich nur um Attrappen handele, haben sie eine negative Wirkung auf die Polizei. Das kalkulieren die Terroristen ein“, sagt Tophoven.
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Veränderte Qualität des Terrorismus
In der Kriminalitätsbekämpfung gebe es viele Fälle, bei denen die Polizei gar nicht versuchte, zu schießen. Ein Schusswechsel sei ja immer auch eine psychologische Belastung für die Beamten. „Dass derzeit viele Terroristen erschossen werden, hat nichts mit einer Schießwütigkeit von Polizisten zu tun, sondern mit einer veränderten Qualität des Terrorismus“, sagt Tophoven. „Wenn einer so fanatisiert ist, schließe ich nicht aus, dass er das Sterben für Allah bewusst einkalkuliert.“ Die Pariser Attentäter seien ein Beispiel für Terroristen, die ganz gezielt den Tod suchten.
Dass die Terroristen – wie auch der Haupttäter in Spanien – zunächst flüchten, erhöhe die Aufmerksamkeit für ihre Tat, erklärt der Terrorexperte. Dennoch würden sie dann lieber für Allah sterben, als festgenommen werden.
Was wäre das Ergebnis eines Verhörs?
„Dass bei Verhören von Terroristen etwas Sinnvolles rauskommt, ist grundsätzlich nicht auszuschließen“, sagt der Experte. Bei der Sauerland-Gruppe etwa, der bis zum Jahr 2010 der Prozess gemacht wurde, hätten die deutschen Behörden einiges über die Ausbildung der Terroristen in Camps in Pakistan und Afghanistan erfahren. Dennoch: Häufig seien solche Verhöre nicht so ergiebig, wie es seitens der Sicherheitsbehörden erwartet wird.
Auch im Falle des Todes von Hauptverdächtigen setze auf Seiten der Behörden eine akribische Recherche zu der Terrorgruppe ein. Am Montag durchsuchte die katalanische Polizei nach Medienberichten erneut mehrere Häuser und Wohnungen in dem Ort Ripoll rund 25 Kilometer nördlich von Barcelona. Zeugen berichteten von „großangelegten Aktion“ mit Beamten in Uniform und Zivil. Aus Ripoll stammten Abouyaaquoub und auch der ebenfalls tote Imam Abdelbaki Es Satty. Im Falle der aktuellen Terroranschläge in Barcelona gelang es, vier mutmaßliche Terroristen der zwölfköpfigen Terrorzelle festzunehmen. Sie werden einem Ermittlungsrichter in Madrid vorgeführt.
mit Agenturmaterial
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