Disziplinlosigkeit, gesunkene Ausbildungsstandards, Verstrickung mit arabischen Clans: Die anonymen Vorwürfe gegen die Berliner Polizeiakademie in den vergangenen Wochen nahmen kein Ende. Jetzt kamen Schüler und Auszubildende im Innenausschuss des Senats zu Wort. Ihr Fazit: Es gebe zwar vereinzelt Probleme, doch die Skandalberichte seien aufgebauscht.
Die Vorwürfe, die seit Ende Oktober die Berliner Polizeiakademie erschüttern, waren durch anonyme Anschuldigen aus den Reihen der Polizeiakademie und des Landeskriminalamtes Berlin ins Rollen gekommen. Vor allem Schüler mit Migrationshintergrund gerieten in den Fokus der Kritik. Von respektlosem und frauenfeindlichem Verhalten war die Rede, zudem sollen in den Klassenräumen verwahrloste Zustände herrschen.
Azubi-Vertreterin: Junge Schüler müssen Verhalten an Beruf anpassen
Schüler und Ausbilder, die nun vor dem Innenausschuss des Berliner Senats zur Wort kamen, sehen das allerdings etwas differenzierter. Veronika Kreutzer, Personalvertreterin der Azubis an der Akademie, bezeichnete zwar fehlendes Lehrpersonal und Klassen mit zu vielen Schülern als ein Problem. Derzeit würden rund 1200 Schüler in drei Jahrgängen unterrichtet, während es früher nur 500 gewesen seien.
Hier den Politik-Newsletter abonnieren
Berichte, Videos, Hintergründe: Von Montag bis Freitag versorgt Sie FOCUS Online mit den wichtigsten Nachrichten aus dem Politik-Ressort. Hier können Sie den Newsletter ganz einfach und kostenlos abonnieren.
Doch was den Vorwurf der fehlenden Disziplin betrifft, sprach die Azubi-Vertreterin lediglich von „einzelnen Auffälligkeiten“, die insbesondere bei jungen Polizeischülern zu beobachten seien. „Der Ernst hat einfach noch gefehlt", berichtete sie über eine Klasse. Viele der jungen Schüler bräuchten noch Zeit, um ihr Verhalten dem Beruf des Polizisten „anzupassen“, sagte Kreutzer am Montag vor dem Innenausschuss.
Sprecherin beklagt „pauschal negative Darstellung“
Noch deutlicher wurde Monika Geuting, die mit Ende 30 zu den älteren Polizeischülern der Akademie zählt. Die Klassensprecherin berichtete, dass sie und ihre ebenfalls älteren Mitschüler sich zu Unrecht kritisiert fühlten. Geuting bemängelte auch eine „pauschal negative Darstellung“ in den Medien. Die Ausbildung sei „praxis- und lebensnah“, ihre Mitschüler seien alle „hochmotiviert“. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Auszubildenden aus Deutschland oder anderen Ländern stammten.
Geuting hatte sich zuvor gegenüber der "Berliner Morgenpost" darüber beschwert, dass man ihr und den Kollegen durch die Pauschalkritik einen Teil ihrer Euphorie an der Ausbildung genommen habe. "Besonders übel ist das für die Kollegen mit Migrationshintergrund. Die fühlen sich persönlich angegriffen."
Im Video: Polizeischüler wehren sich – und erheben Vorwürfe gegen Ausbilder
13 Schüler wegen „jugendtypischer Straftaten“ entlassen
Dozent und Personalvertreter Thorsten Schleiheider berichtete, es sei vorgekommen, dass Bewerber "jugendtypische Straftaten" begangen hätten. Als Beispiele nannte er Schlägereien, erste Kontakte mit Drogen, Diebstähle, Fahren ohne Führerschein mit Mofas und Graffiti-Sprayen. „Da schauen wir natürlich genauer hin wegen der charakterlichen Eignung und besprechen das.“ Die Folge sei meist ein intensiveres persönliches Gespräch. In den vergangenen zwölf Monaten seien nach diesen Gesprächen dann 13 Schüler entlassen worden.
Psychologe mahnt differenzierte Darstellung an
Ahmad Mansour, bekannter Psychologe und Gastdozent an der Polizeiakademie, forderte dringend eine differenzierte Darstellung der Schwierigkeiten, die auch türkisch- oder arabischstämmigen Polizeischüler betreffen. „Ich finde es sehr problematisch, wenn man Menschen mit Migrationshintergrund als Gefahr sieht. Genauso falsch ist es, die Vorwürfe einfach nur als ausländerfeindlich zu bezeichnen“, sagte Mansour, selbst arabischstämmiger Deutsch-Israeli. Das sei viel zu pauschal, sagte Mansour und nannte explizit Innensenator Andreas Geisel (SPD) als Beispiel.
Abgeordnete der Oppositionsparteien CDU und FDP gaben sich mit den Darstellungen allerdings nicht zufrieden und forderten die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses mit einem unabhängigen Sonderermittler.
No comments:
Post a Comment