Vor 50 Jahren, 1968, waren die Universitäten Orte von Tabubrüchen, von Anarchie und Aggression; an ihnen wurden die Spielräume des Erlaubten ausgeweitet, es ging genauso um sexuelle wie um politische Befreiung. Heute hingegen greift dort die Angst vor Regelverstößen um sich; immer mehr wird verboten. „Safe spaces“ werden eingerichtet: Räume, in denen alle sicher davor sind, in ihrer sexuellen, ethnischen oder religiösen Identität provoziert zu werden.
War der skandalöse Höhepunkt 1968 die „Uni-Ferkelei“ in Wien, bei der Aktionisten – darunter Oswald Wiener, Otto Muehl und Peter Weibel – mitten im Hörsaal onanierten, ihre Notdurft verrichteten und sich auspeitschten, so sorgen an Hochschulen mittlerweile bereits Zeichnungen und Karikaturen für Empörung, wenn nur Brüste oder ein Po – wohlgemerkt nicht einmal ganz nackt – zu sehen sind.
Freiheit der Kunst wider political correctness
Das war im Herbst 2017 an der Universität Göttingen der Fall, nachdem das Studentenwerk in der Mensa eine Ausstellung mit dem Titel „Geschmackssache“ organisiert hatte. Bald gab es Beschwerden von Studentinnen, die sich „unangenehm berührt“ fühlten und einige der Blätter als „Grenzüberschreitung“ empfanden. Der Streit eskalierte, sodass die Ausstellung komplett abgehängt werden musste. In einem offenen Brief schrieben die Ausstellungsgegner, ihre Menschenwürde werde durch die Zeichnungen mit sexualisierten Sujets verletzt. Sie verwahren sich dagegen, „die Würde des Einzelnen“ als etwas zu betrachten, über das sich demokratisch entscheiden ließe. Vielmehr gelte, dass „nicht die Mehrheit“ festlege, „wie viel Sexismus der/die Betroffene auszuhalten hat, bevor die Grenze der Belästigung überschritten ist. Die Grenzziehung ist ein höchstpersönliches Recht.“ Zwar wird die Freiheit der Kunst anerkannt, aber so gedeutet, dass diese zwar ein „Existenzrecht“ besitze, deshalb aber noch lange nicht öffentlich gezeigt werden dürfe.
So gut nachzuvollziehen ist, dass nicht die Allgemeinheit bestimmen kann, wann sich ein einzelner Mensch bedroht, verletzt oder herabgewürdigt fühlt, so problematisch ist es doch zugleich, jedem zuzugestehen, die Maßstäbe eigener Betroffenheit ganz allein festzulegen. Denn immerhin hat das Folgen für das Leben anderer Menschen, die dadurch in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt werden. Die Unversehrtheit eines Einzelnen zählt dann mehr als die Freiheit von vielleicht sehr vielen. Zudem kann das Recht auf individuelle Grenzziehung zum bloßen Machtinstrument werden – bis dahin, dass einige wenige die große Mehrheit kontrollieren, was demokratische Grundsätze untergräbt.
Übermalung eines Gedichts wegen "Unwohlseins"
Gewiss ist in jedem Einzelfall neu zu entscheiden, aber unabhängig davon stellt sich die Frage, warum gerade Universitäten von einem Extrem in das andere gefallen sind, zumal Vorfälle wie die in Göttingen häufiger gemeldet werden.
Am meisten Aufmerksamkeit fand in den vergangenen Monaten ein Streit an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Auf einer Fassade steht dort seit 2011 ein berühmtes (spanisches) Gedicht von Eugen Gomringer, Altmeister der Konkreten Poesie, das einzelne Worte aneinanderreiht und wiederholt, wobei das Wort für Frauen (mujeres) zusammen mit den Worten für Alleen (avenidas) und Blumen (flores) auftaucht. Das empfinden einige als sexualisierende Instrumentalisierung der Frauen, die auf schöne Dinge reduziert würden. Studentinnen bekunden „Unwohlsein“, gefordert wird eine Übermalung des Gedichts, im Januar 2018 soll es eine endgültige Entscheidung geben.
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In anderen Fällen geht es um Seminarthemen oder Lektürelisten und sehr oft darum, dass kanonische Autoren allein nach heutigen Maßstäben beurteilt werden. Immanuel Kant ist dann auf einmal ein übler Sexist, der auch noch abschätzig über Schwarze oder Schwule geschrieben hat – also jemand, dessen Texte man lieber nicht mehr liest und der zumindest an einer Hochschule, wenn sie denn ein „safe space“ sein soll, nichts zu suchen haben darf.
Haben die 68er mit all ihren Regelverletzungen und Emanzipationsenergien bis dahin Benachteiligten – Frauen und auch zahlreichen Minderheiten – zu mehr Rechten und besseren Lebensmöglichkeiten verholfen, so ist daraus offenbar eine Dynamik entstanden, die letztlich zu einer paradoxen Umkehrung der Stoßrichtung geführt hat. Je besser bis dahin unterprivilegierte Gruppen auch institutionell abgesichert wurden, desto attraktiver konnte es nämlich für mehr und mehr Menschen erscheinen, sich selbst als benachteiligt darzustellen und entsprechende Schutzrechte für sich zu reklamieren. Statt für eine insgesamt freiere Gesellschaft kämpft man dann nur noch für mehr Chancen für einzelne Gruppen und identifiziert sich zugleich mit der ein oder anderen von ihnen. Dazu aber muss jeder und jede immer neu beweisen, dass er oder sie nach wie vor benachteiligt ist.
Verbot über Verbot: Freiheiten durch deren Missbrauch verwirkt
Und das gelingt am besten durch das Zeigen der eigenen Verletzungen. Indem damit zugleich andere als Aggressoren geoutet werden, kommt es aber dazu, dass diese umgekehrt nicht mehr als gleichberechtigt wahrgenommen werden. Vielmehr haben sie ihre Freiheiten durch deren Missbrauch verwirkt. Und so etablieren sich neue Verbote, und je besser es den ehedem Benachteiligten geht, desto lauter müssen sie sich als Betroffene zur Geltung bringen, desto strenger werden also die Maßstäbe, nach denen das Verhalten anderer als verletzend beurteilt wird, und desto rigider und zahlreicher entwickeln sich auch die Verbote. Damit aber mündet ein zuerst durch und durch emanzipatorischer Impuls in Kontrolle und Rundumreglementierung.
Es wäre verkürzt, die Empörung über Karikaturen oder ein Gedicht als Zeichen einer neuen Prüderie zu deuten und zu unterstellen, die Freizügigkeit der 68er sei rückabgewickelt worden, die Gesellschaft wieder in den 1950er-Jahren angekommen. Vielmehr boomen in denselben Milieus, in denen der Wunsch nach „safe spaces“ verbreitet ist, Sex-Dating-Apps wie Tinder, und in sozialen Medien wie Tumblr oder bei Christopher Street Days ist mehr denn je an Sex zu sehen. Auch eine junge Generation von Feministinnen ist alles andere als schamhaft; vielmehr nutzt sie das Internet als Plattform, um sexuelles Selbstbewusstsein zu demonstrieren und um neue – freiere und pluralere – Körperbilder zu etablieren.
Rebellentum und Kontrolleifer müssen sich nicht ausschließen
Wie wenig Rebellentum und Kontrolleifer einander ausschließen, zeigte sich beispielhaft, als im September 2017 die Berliner Volksbühne besetzt und gegen das Programm des neuen Intendanten Chris Dercon protestiert wurde. Die Besetzer forderten ganz im Geist der Avantgarden und der 68er mehr Freiräume, verteidigten ihr juristisch zum Teil strafbares Verhalten auch unter Berufung auf die Freiheit der Kunst, richteten aber als Erstes ein Awareness-Team ein, das zahlreiche Regeln aufstellte und darauf achtete, dass sich niemand unter den Mitarbeitern, Besetzern und Unterstützern unwohl fühlt. Sogar ein Awareness-Raum wurde geschaffen: eine Ruhezone, in der jedes aggressive Wort von vornherein ausgeschlossen sein sollte. Die Besetzer, obwohl selbst grenzverletzende Akteure, deklarierten sich also zugleich als potenzielle Opfer, als Betroffene, die sich von potenziellen Aggressoren umgeben fühlen und daher besonderen Schutzes vor Grenzüberschreitungen anderer bedürfen.
Es ist heutzutage somit kein Widerspruch mehr, einerseits zu proklamieren, dass Kunst wehtun müsse und dass Konventionen abgeschafft gehören, andererseits aber gegen alles – auch gegen Kunst – zu protestieren, was einem selbst wehtut. Damit hat der Geist von 1968 50 Jahre später aber nicht mehr viel mit wirklicher Befreiung zu tun, sondern hat sich auf eine Strategie verengt, die denen, die sie nutzen, allein dazu dient, auf Kosten anderer selbst zu mehr Macht zu gelangen.
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