Was passiert hinter den Fronten des Jihad? Wie ticken Warlords und jugendliche Attentäter? In dem Buch „Nur wenn du alleine kommst“ berichtet die Journalistin Souad Mekhennet von ihren Recherchen in den No-go-Areas des Terrors. FOCUS Online veröffentlicht einen Auszug.
Mehrere meiner Quellen beim Islamischen Staat hatten mir erzählt, dass viele europäische Frauen in Kontakt mit ihnen traten, weil sie davon träumten, einen IS-Kämpfer zu heiraten. Um herauszufinden, welche Beweggründe dahintersteckten, machte ich mich auf die Suche nach solchen Frauen. Schließlich stieß ich auf Meryam, eine junge Deutsche, die zum Islam übergetreten war. 2014 setzte sich eine ihrer Freundinnen mit mir in Verbindung und arrangierte ein Treffen in Berlin. Wir trafen uns an einer U-Bahn-Station. Meryam trug schwarze Handschuhe und einen Niqab mit schmalem Sehschlitz, der den Blick auf ihre grünen Augen freigab. „Magst du Chickenburger?“, fragte sie mich. „Natürlich halal“.
Bräute für das Kalifat
Ich begleitete sie zu einem Restaurant in einer vornehmlich von Muslimen bewohnten Gegend. Die meisten Frauen trugen einen Hidschab, bevorzugten aber lebhafte Farben; keine trug einen Ganzkörperschleier. Meryam war bewusst, dass sie viele Blicke auf sich zog. „Sollen sie ruhig glotzen. Mir egal, das kenne ich schon.“ Als wir das Restaurant betraten, grüßte sie den Mann hinter dem Tresen mit „As-salam alaikum“; ihr schwerer deutscher Akzent war nicht zu überhören. „Guten Tag“, gab er auf Deutsch zurück. Meryam bestellte einen Chickenburger mit scharfer Sauce, Pommes frites und eine Limonade. „Coca-Cola oder Pepsi trinke ich nicht“, erklärte sie mir. „Das ist Kuffar-Plörre.“
Wir setzten uns in den Bereich für Frauen und Familien. Als sie ihren Schleier anhob, um von ihrer Limo zu trinken, bemerkte ich, dass ihr Gesicht mit Pickeln übersät war; sie sah aus, als befände sie sich mitten in der Pubertät. Später erfuhr ich, dass sie achtzehn war. Während unseres Gesprächs wurde mir schnell klar, dass sie komplett indoktriniert war; die ganze Welt bestand für sie nur aus Schwarz und Weiß. Sie hockte stundenlang vor dem Computer, chattete mit ihren „Brüdern und Schwestern in Syrien“. Die hatten Antworten auf all ihre Fragen, schickten ihr Links zu YouTube-Videos oder Bildern vom „Kalifat“.
Über die Autorin
Souad Mekhennet hat ihr Leben lang zwischen den Welten gelebt. Die Tochter einer türkischen Mutter und eines marokkanischen Vaters ist in Deutschland aufgewachsen, recherchiert seit dem 11. September 2001 als internationale Publizistin über den islamistischen Terror und ist Sicherheitskorrespondentin der Washington Post.
„Mit vierzehn bin ich zum Islam konvertiert“
Eine ihrer Freundinnen, eine Afghanin, war bereits nach Syrien gereist und wohnte dort in einem Haus mit anderen Frauen, die ebenfalls darauf warteten, verheiratet zu werden. Sie sagte, Deutschland sei ihr unerträglich geworden, die Gesellschaft sei „rassistisch“, habe „keine Werte“. In ihren Augen wurden Muslime unterdrückt und unfair behandelt.
Ich fragte, wann und wie sie mit dem Islam in Berührung gekommen war. „Bismillah ar-rahman ar-Rahim“, hob sie an – eine arabische Anrufungsformel, die „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“ bedeutet und häufig von Muslimen benutzt wird, um die Wahrhaftigkeit einer Aussage zu betonen. „Mit vierzehn bin ich zum Islam konvertiert. Ein muslimischer Freund von mir wurde bei einer Messerstecherei getötet, und ich war in seiner Moschee, wo die anderen für ihn gebetet haben. Seit jenem Tag war ich fasziniert vom Islam.“
Besonders gefiel ihr, dass der Islam Familie und Gemeinschaft einen so hohen Wert zumaß, die Idee, dass alle füreinander Sorge tragen. Die Leute würden sich gegenseitig mit Essen versorgen und den Notleidenden helfen, sagte sie. Der Islam ließ sie eine Akzeptanz und Wärme spüren, die ihr in ihrer eigenen Familie seit Langem gefehlt habe. Ihre geschiedenen Eltern waren völlig entgeistert, hatten aber nichts unternommen, um sie von ihrem Übertritt abzuhalten.
Sie erklärte, sie und andere gläubige Muslime würden in Deutschland wie Aussätzige behandelt. Schon als sie nur ein Kopftuch getragen hatte, war es schwierig für sie gewesen, einen Job zu finden, nun, mit Niqab, war es schlicht unmöglich. Mit sechzehn hatte sie zum ersten Mal geheiratet und mit ihrem Mann, ebenfalls ein Konvertit, diskutiert, ob sie nach Syrien gehen sollten, um dort im Kalifat zu leben.
Meryam glaubte, dass es ihre Pflicht als Muslimin sei, in einem islamischen Staat zu leben, doch ihr Mann hatte sich nicht dazu durchringen können. Er sei ein Waschlappen, sagte sie. Sie hatte die Scheidung eingereicht, musste nun aber eine Zeitlang warten, bevor sie sich neu verheiraten konnte. So wie Meryam kamen viele westliche Dschihadisten aus schwierigen oder zerrütteten Familienverhältnissen; in dieser Hinsicht erinnerte sie mich an Pero, dessen Vater im Gefängnis gewesen war.
„Wie viel zahlen Sie ihr?"
Auch mit Hayat Boumeddiene (Anm. d. Red.: Lebensgefährtin des islamistischen Terroristen Amedy Coulibaly, der im Paris im Zusammenhang mit Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo weitere Terrorakte beging) hatte Meryam einiges gemein. Meryams Eltern waren ebenfalls geschieden; ihr Vater trank, und ihre Mutter vernachlässigte Meryam und ihre jüngeren Geschwister. Ich hatte sogar kurz mit der Mutter telefoniert, doch diese war mir ins Wort gefallen: „Wie viel zahlen Sie ihr? Sonst verkaufen wir ihre Geschichte lieber an eine Zeitung – da springen doch bestimmt ein paar Hundert Euro raus.“
In Europa ist die Gesellschaft zersplittert. Der IS stellt Gleichheit, Brüderlichkeit, Freundschaft und Familie in den Vordergrund, und jeder Muslim ist willkommen, ob nun arabischer, deutscher oder amerikanischer Herkunft. Der IS steht für eine utopische Vision, nach der sich viele europäische Konvertiten sehnen. Bei der Trauerfeier für ihren verstorbenen Freund hatte sie gefunden, was ihr so lange gefehlt hatte – eine große Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig unterstützten.
Meryam klang, als wolle sie wie Boumeddiene in den Kampf gegen die „Unterdrücker“ ziehen. Und die Rollen waren für sie klar verteilt: Amerika, Europa und die arabischen Machthaber rissen sich das Öl und die anderen Reichtümer der islamischen Welt unter den Nagel und ließen die Armen leer ausgehen, meinte sie. Es sei ein „Krieg gegen den Islam“ im Gange. Der IS und al-Qaida waren für sie Organisationen des Widerstands, ihre Anführer Helden. Bewundernd sprach sie von „Scheich Osama“ und „Scheich Abu Musab“, verherrlichte das Kalifat.
Im Video: Warum Dschihad-Rückkehrerinnen meist ohne Strafe davonkommen
„Überall rechte Parteien und Leute, die Muslime hassen"
„Aber viele islamische Gelehrte lehnen dieses sogenannte Kalifat strikt ab“, konterte ich. „Sie verdammen den IS sogar.“ „Ich weiß“, entgegnete sie. „Darüber habe ich schon mit meinen Brüdern und Schwestern im Netz diskutiert, und sie haben mir erklärt, dass diese Gelehrten alle vom Westen gekauft sind. Das sind alles Lügner.“ Ich fragte, wer diese „Brüder und Schwestern“ seien. „Sie leben im Kalifat. Und dort ist es wunderschön. Alles, was man hier in den Medien zu sehen kriegt, ist gefälscht.“
„Was fehlt dir hier in deinem Leben?“, fragte ich. „Ich fühle mich in Europa nicht sicher. Überall rechte Parteien und Leute, die Muslime hassen.“ „Aber wieso willst du ausgerechnet nach Syrien, wenn es dir um Sicherheit geht? Dort herrscht Krieg.“
„Es ist unsere Pflicht, die Länder zu verlassen, in denen Gottes Wort nicht eingehalten wird“, erwiderte sie. „Ich will im Kalifat leben und einen richtigen Mann heiraten, einen, der den rechten Weg geht und bereit ist, für seinen Glauben zu kämpfen.“
Einige meiner Geheimdienstkontakte hatten mir berichtet, dass die Idee des Kalifats eine wachsende Faszination auf junge Europäer ausübe, auf Männer wie auf Frauen. Und Meryam meinte es ernst, malte sich bereits ihre Zukunft in Syrien aus. Sie wollte einen in Tunesien geborenen IS-Kämpfer heiraten. „Er ist hier in Berlin, zusammen mit einer Gruppe anderer Krieger", sagte sie. „Die anderen stammen aus dem Jemen und Tschetschenien.“
„Was machen dein Kämpfer und die anderen hier?“
„Wie sind sie nach Europa gekommen?“, fragte ich. „Über Tunesien, glaube ich, aber ich weiß es nicht genau, und wir sprechen auch nicht darüber.“ Einen Moment lang hielt ich sie für schlicht naiv, doch dann fügte sie hinzu: „Ich will auch gar keine Einzelheiten wissen. Hier laufen doch überall V-Männer herum, und Handy und Internet werden überwacht. Und wenn ich nichts weiß, kann ich auch nichts ausplaudern.“ Sie lächelte mich an. Ich fragte mich, ob sie mir damit sagen wollte, dass sie doch nicht so unschuldig war, wie sie schien. „Was machen dein Kämpfer und die anderen hier?“, hakte ich nach.
Sie erwiderte, sie seien häufig unterwegs, um sich mit Freunden zu treffen, aber ihr Liebster verrate ihr nichts Genaueres. Einmal hätten sie die Moschee „Haus des Friedens“ besucht, aber ihr Ehemann in spe sei über die IS-kritischen Predigten des Imams außer sich vor Wut gewesen. „Er hat gesagt, das wären alles Ungläubige, die diesem Imam zuhören“, erzählte Meryam. Ich fragte sie, ob sie ihren künftigen Ehemann liebe. „Er sieht gut aus und ist tief gläubig“, erwiderte sie. „Aber mit der Verständigung hapert es noch ein bisschen zwischen uns beiden. Er spricht nur Arabisch und Französisch, und ich kann nur Deutsch und ein bisschen Englisch.“ Er war bereits verheiratet, und sie sollte seine Zweitfrau werden.
Sie machte sich Sorgen, ob sie eifersüchtig sein würde. „Aber trotzdem würdest du es akzeptieren, ihn nicht für dich allein zu haben?“ „Ja. Ich weiß, dass ich den richtigen Mann gefunden habe.“ Sie stopfte sich ein paar Pommes frites in den Mund. „Willst du nicht auch heiraten und Kinder haben? Fehlt dir nicht etwas in deinem Leben?“ Ich biss in meinen Chickenburger, aber nicht etwa, weil ich Hunger gehabt hätte, sondern weil ich kurz überlegen wollte.
„Mann und Kinder?", sagte ich dann. „Ja, das ist eine schöne Vorstellung.“ Sie lachte. „Ich kann meinen Freund ja mal fragen, ob einer seiner Brüder nach einer Zweit- oder Drittfrau sucht.“ Ich lehnte dankend ab, sagte aber, dass ich ihren künftigen Mann trotzdem gern kennenlernen würde. „Wir könnten ja zusammen einen Kaffee trinken gehen.“ Höchst unwahrscheinlich, dass er sich darauf einlassen würde, aber den Versuch war es wert. Sie erwiderte, sie würde mit ihm sprechen und sich wieder bei mir melden.
Offenbar hat sie sich auf den Weg gemacht
Mein Interview mit Meryam fand im Dezember 2014 statt, nur einen Monat vor den Anschlägen in Paris. Danach versuchte ich sie zu erreichen, doch ihre alte Nummer existierte nicht mehr. Offenbar hatte sie sich auf den Weg gemacht. Ich fragte mich, ob sie Hayat Boumeddiene begegnen würde. Dann wurde ich in die Talkshow von Günther Jauch eingeladen; Thema waren die Anschläge in Paris sowie die viel diskutierten, nicht zuletzt auch von Charlie Hebdoveröffentlichten Mohammed-Karikaturen.
Ich sah der Talkrunde mit gemischten Gefühlen entgegen. Ja, ich war eine professionelle Journalistin und beschäftigte mich seit Langem mit Extremismus und dem sogenannten Krieg gegen den Terror. Aber mir war auch bewusst, dass ich Gefahr lief, in einer solchen Runde in die Rolle der „Muslimin“ gedrängt zu werden. Dennoch nahm ich die Einladung an. Vielleicht war es ja ein guter Moment, um eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen, moderate Muslime und andere kluge Köpfe zu erreichen, die zur Verständigung beitragen konnten, und eine lebhafte Debatte anzustoßen.
Zu Gast bei Günther Jauch
Die anderen Gäste waren Innenminister Thomas de Maiziere, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, Matthias Döpfner, und der Journalist und ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert, der viele Jahre in Paris gelebt hatte. Wir diskutierten über die Pressefreiheit, die Gründe, warum Gruppen wie al-Qaida und der IS zur Ermordung von Karikaturisten aufriefen, und anderes mehr. Ich erklärte, die Ermordung von Journalisten und Karikaturisten sei nach meinem Islamverständnis untragbar, selbst wenn jemandem ein Cartoon oder eine Meinung zutiefst zuwider war.
Günther Jauch fragte, warum derartige Karikaturen nicht auf den Titelseiten der New York Timesoder der Washington Postabgedruckt würden. Worauf ich erwiderte, dass die führenden amerikanischen Zeitungen keine satirischen oder beleidigenden Zeichnungen veröffentlichten, die Hass gegen eine bestimmte Rasse oder Religion schüren könnten. Ich führte an, dass ich jüngst in den USA mit meinem Buch Dr. Tod auf Lesereise gewesen und von einigen Holocaust-Überlebenden und Mitgliedern jüdischer Gemeinden besorgt auf die in Europa publizierten Karikaturen des Propheten Mohammed angesprochen worden sei.
„Sie sagten, die Zeichnungen hätten sie daran erinnert, wie die Nazis die Juden und das Judentum mit antisemitischen Karikaturen herabgewürdigt haben. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle einmal diskutieren, wo Meinungsfreiheit aufhört und Hetze beginnt.“ Matthias Döpfner brachten meine Worte sichtlich in Wallung. Ich ließ ihn ausreden und erklärte dann, dass er mich offensichtlich falsch verstanden hätte. Ich hatte die Charlie-Hebdo-Cartoons nicht mit Nazi-Propaganda gleichgesetzt, sondern lediglich wiedergegeben, wie jüdische Amerikaner zu diesem Thema standen.
Im Video: Frau eines IS-Kämpfers schildert Leben mit Terrormiliz
Ich versuchte mein Unbehagen zu kaschieren
Trotzdem entging mir nicht, wie sich die Stimmung hochgeschaukelt hatte. Ich versuchte mein Unbehagen zu kaschieren, doch als ich nach meinem Glas Wasser griff, merkte ich, dass meine Hand zitterte. Ich versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben, rief mir meine Großmutter in Erinnerung, die sich nie den Mund hatte verbieten lassen. Wir müssen den muslimischen Jugendlichen in diesem Land zeigen, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann, ohne sich gleich die Köpfe einzuschlagen, dachte ich.
Dann ging es um „westliche Werte“ und die Rechte, die Europäer seit der Aufklärung genießen. Ich gab zu bedenken, dass wir uns als Journalisten vorsehen müssten, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Als Beispiel führte ich die Diskussion um die sogenannten Mohammed-Karikaturen an, die zehn Jahre zuvor in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienen waren. Nachdem ein norwegisches Magazin die Cartoons nachgedruckt hatte, war es im ganzen Nahen Osten zu wütenden Protesten und Ausschreitungen gekommen. Im Januar 2006 stürmten Bewaffnete ein UN-Büro in Gaza und forderten eine Entschuldigung. Der Chefredakteur des Jyllands-Posten entschuldigte sich, doch Zeitungen in Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien druckten die Karikaturen zum Zeichen der Solidarität nach. Dänische und norwegische Botschaften im Nahen Osten wurden attackiert.
Im Februar druckte Charlie Hebdodie Karikaturen abermals nach; der Dachverband französischer Muslime verklagte das Magazin daraufhin wegen „rassistischer Beleidigungen“, unterlag aber vor Gericht. 2008 druckten wiederum mehrere dänische Zeitungen eine der Karikaturen nach, darunter auch der Jyllands-Posten. In einem Video drohte Osama bin Laden mit Vergeltung. In den folgenden Jahren ging es Schlag auf Schlag: Ein somalischer Muslim wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, weil er, mit Axt und Messer bewaffnet, in die Wohnung des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard eingedrungen war; fünf Männer wurden wegen der Planung eines Anschlags auf den Jyllands-Posten verhaftet, und auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdowurde ein Brandanschlag verübt. 2013, zwei Jahre vor den Pariser Anschlägen, verklagten erneut muslimische Gruppen das Blatt.
Ich wurde als „Muslimschlampe“ und „Hure“ beschimpft
Im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind die Bilder von gewalttätigen Ausschreitungen in muslimischen Ländern, die Aufrufe radikaler Gruppen zur Ermordung der Karikaturisten. Europäische Politiker und Journalisten führten immer wieder die Meinungsfreiheit ins Feld, und wochen-, ja monatelang wurde darüber debattiert, ob Muslime überhaupt fähig seien, in einer Demokratie zu leben. Doch die Geschichte der Mohammed-Karikaturen war nicht so simpel. Für unser Buch Die Kinder des Dschihad hatten meine Co-Autoren und ich in Dänemark recherchiert und dabei erfahren, dass es der Jyllands-Postendrei Jahre vor der Veröffentlichung der Mohammed-Cartoons abgelehnt hatte, eine Reihe von Jesus-Karikaturen zu drucken – mit der Begründung, sie könnten die Gefühle der Leser verletzen.
Als ich das in der Jauch-Talkrunde erzählte, sagte Döpfner, davon habe er noch nie gehört, aber wenn das stimme, müsse tatsächlich von einem Skandal gesprochen werden. Mich beschlich einmal mehr das dumpfe Gefühl, dass viele Leute nicht einmal mit den elementarsten Fakten vertraut waren, die diesen Kontroversen zugrunde lagen. Sie waren sich offenbar nicht bewusst, dass sie immer mehr junge Europäer in die Hände radikaler Islamisten trieben, wenn sie weiter zweierlei Maß anlegten und sich weigerten, eine ehrliche Debatte über Ethik, Meinungsfreiheit und Hassbotschaften zu führen.
Als ich nach der Talkrunde meine E-Mail-, Twitter- und Facebook-Accounts checkte, gratulierten mir einige Leute dazu, dass ich mich nicht hatte unterkriegen lassen. Doch die Angriffe und Drohungen waren bei Weitem in der Mehrzahl. Manche schrieben, ich solle meine Sachen packen und mich in die Türkei verdrücken, ich wurde als „Muslimschlampe“ und „Hure“ beschimpft. Einige schienen mir besonders übel zu nehmen, dass ich es gewagt hatte, „einem Deutschen wie Herrn Döpfner“ zu widersprechen.
„Dich kriegen wir schon noch“
Es gab auch zwei Morddrohungen. „Dich kriegen wir schon noch“, stand in einer anonymen E-Mail; im Anhang befand sich eine Zeichnung von Messern und Pistolen. In der anderen wurde ich als „Feind der deutschen Rasse“ tituliert – mir würde es bald an den Kragen gehen. Die Reaktionen auf die Talkrunde sollten mich noch einige Zeit verfolgen. Zwei Journalisten, mit denen ich eigentlich befreundet war, redeten plötzlich nicht mehr mit mir, weil ich einen gesellschaftlichen Diskurs über die Grenzen der Meinungsfreiheit gefordert hatte. Während eines hitzigen Gesprächs mit einer Kollegin auf der Party eines Bekannten fragte ich schließlich, warum ich eigentlich dauernd angegriffen und abqualifiziert wurde, obwohl ich doch nur von meinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machte.
„Diese ganzen Muslime, denen unsere Karikaturen und unsere Werte nicht passen, gehören nicht hierher“, gab sie zurück. „Wenn es ihnen hier nicht gefällt, dann sollten sie schleunigst verschwinden.“ Ich erwiderte, wenn sie Muslimen den Mund verbieten wolle, wäre das der Anfang vom Ende unserer „Meinungsfreiheit“. Die ganze Zeit über fragte ich mich, wo all das enden sollte, wenn selbst Menschen, die sich als linke Intellektuelle sahen, Äußerungen verbieten wollten, die ihnen schlicht nicht in den Kram passten. „Was genau willst du damit sagen?“, fragte ich. „Dass der ‚gute‘ Muslim den Mund halten und sich bloß nicht erdreisten sollte, der vorherrschenden Meinung zu widersprechen?“ In Gedanken fügte ich hinzu: Oder werden sonst Leute wie ich, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, auch noch verdächtigt, Sympathisanten von al-Qaida und IS zu sein?
Nein, sagte ich, Mord an Journalisten oder Karikaturisten sei durch nichts, aber auch gar nichts zu rechtfertigen, egal wie sehr sie jemanden vor den Kopf stoßen. Aber ich fragte sie auch, ob sie sich bewusst sei, dass es in Deutschland einmal eine Zeit gab, in der Juden mittels Karikaturen diskreditiert und verächtlich gemacht wurden. Und hatte man uns nicht in der Schule beigebracht, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe?
„Nur wenn du alleine kommst“ von Souad Mekhennet erschien im Juni 2017 im C.H.Beck-Verlag.
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