
In Deutschland ist die Diskussion über muslimischen Judenhass in vollem Gange. Einer, der sich in die Antisemitismus-Diskussion eingeschaltet hat, ist der israelische Politologe David Ranan.
Für sein neues Buch „Muslimischer Antisemitismus“ hat er mit mehr als 70 Muslimen in Deutschland und Amerika über ihre Einstellung zu Juden gesprochen. Ranans Erkenntnis: Trotz Anfeindungen und kruden Verschwörungstheorien, sei die Debatte um Judenhass hysterisch. Auch weil Judenfeindlichkeit unter Muslimen laut des Autors meist gegen die umstrittene israelische Palästina-Politik – und weniger gegen die Religion – gerichtet sei. FOCUS Online veröffentlicht einen Buchauszug.
Anders als beim abendländischen Judenhass, der auf dem Vorwurf des Gottesmordes basiert, von Kirche und Staat geschürt wurde und sich nach Jahrhunderten in eine säkulare Judenfeindschaft, auch Antisemitismus genannt, umformte, ist Judenfeindschaft unter Muslimen ein spätes Phänomen. In den Moscheen wurde nicht wöchentlich über Juden als Gottesmörder gehetzt. In muslimischen Ländern waren Juden, wie andere Nicht-Muslime, zwar eingeschränkt in ihren Rechten und galten als Menschen zweiter Klasse. Sie waren auch sporadisch physischer Gewalt ausgesetzt. Doch haben die Einstellungen und Handlungen in muslimischen Ländern nie die Tiefen und Barbarei der christlichen Judenverfolgung erreicht.
Eine kleine Minderheit der 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt ist radikal
Und doch gibt es, wie Kapitel 4 beschreibt, in der Tat einen virulenten und gefährlichen islamistischen Judenhass. Dieser für Juden gefährliche Antisemitismus ist Teil des radikalen Islams, dem zurzeit nur eine kleine Minderheit der 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt angehört. Der radikale Islam, der die Muslime als Feinde sieht und bekämpft, die ihm nicht folgen wollen und seine Vorstellung über einen islamischen Staat nicht teilen, ist daher vor allem eine Gefahr für die Mehrheit der Muslime, die nicht in einer theokratischen Diktatur leben möchten. Wie die Radikalen ihre „Glaubensbrüder“ behandeln und welche Gewalt sie bereit sind einzusetzen, um ihr Weltbild zu fördern, konnte man in der jüngeren Vergangenheit feststellen.
Wenn diese extremistische Bewegung ihren Weg unter Muslimen machen und irgendwann zur dominanten Macht in der muslimischen Welt werden sollte, werden zuerst Millionen Muslime ihre Freiheit verlieren und religiös-diktatorischen Regimen unterworfen. Doch möchte der radikale Islam die ganze Welt erobern, und damit wäre natürlich auch die nicht-muslimische Welt gefährdet. Daher liegt es im gemeinsamen Interesse sowohl der westlichen Demokratien wie auch nicht-muslimischer Diktaturen und autokratischer Regime, der Verbreitung des radikalen Islams ein Ende zu bereiten. Und natürlich ist das auch ein Kernanliegen des jüdischen Volks.
Es ist unehrlich, alle Muslime in einen Topf zu schmeißen
Über den Zusammenhang zwischen der Gewaltbereitschaft von Radikalen und aus dem Nahost-Konflikt stammenden antijüdischen Einstellungen, die unter Muslimen verbreitet sind, herrscht Verwirrung. Diese fördert auch Fehleinschätzungen über die Größe der Gefahr, was besonders in den jüdischen Gemeinden verbreitet ist. Medienberichte über spektakuläre, von Extremisten begangene antisemitische Gewalttaten tragen mit zu dieser Verwirrung bei.
Wie es wenig Sinn macht, zu behaupten, dass es keinen Antisemitismus unter Muslimen gäbe, ist es unehrlich, alle 1,6 Milliarden Muslime weltweit in einen Topf zu schmeißen. Wie in diesem Buch gezeigt, spielen bei den antijüdischen Einstellungen und Einschätzungen der meisten Muslime mehrere Faktoren eine Rolle: Dazu gehören die Frage, was Antisemitismus überhaupt ist und der Kampf um seine Definition, ferner die Problematik der Vermessung des Antisemitismus, der Konflikt um IsraelPalästina, das Ignorieren der terminologischen Vermischung zwischen Jude und Israeli, das Einreißen der Differenzierungsmauer zwischen Israel und Judentum, und, last but not least, die Interessengruppen und Lobbys mit ihren Aktivitäten. Sie alle dominieren den Diskurs und die Wahrnehmung des Themas muslimischer Antisemitismus.
„Was ist da überhaupt zu recherchieren?“
Beinah jeder, dem ich über mein Forschungsprojekt, aus dem dieser Band entstanden ist, erzählte, schaute mich mit fragender Miene an: „Ja, das ist doch klar, was ist da überhaupt zu recherchieren? So ist es halt.“ Diese Meinung – die genaugenommen ein auf Muslime bezogenes Vorurteil ist – kriegt man regelmäßig serviert.
Der Antisemitismusvorwurf wird sowohl von Israel als auch von einigen jüdischen Organisationen instrumentalisiert, und er spielt damit, besonders was den Nahost Konflikt betrifft, eine ähnliche Rolle wie die Rassismus- und Kolonialismus-Vorwürfe, die als antiisraelische Waffe von Israels Gegner gebraucht werden. Diese negativ konnotierten Begriffe probiert man, der Gegenseite anzuheften, um den Gegner in der öffentlichen Meinung zu diskreditieren. In der Folge werden Ergebnisse demoskopischer Untersuchungen zum Thema Antisemitismus, deren Problematik und Schwächen ich in einem separaten Kapitel dargelegt habe, öfters skandalfreudig, auch manchmal kalkuliert und manipulativ eingesetzt.
Über den Autor
David Ranan entstammt einer deutsch-jüdischen Familie. Er wuchs in Israel auf, 1965 wurde er zum Dienst in der israelischen Armee eingezogen. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Israel und London, arbeitete als Banker und Unternehmensberater, absolvierte dann noch einmal ein Studium der Kultur- und Politikwissenschaft. Heute lebt Ranan als freier Autor in London.
Kampf gegen Antisemitismus darf nicht zur Hetze gegen Muslime werden
Diese Politisierung, die letzten Endes einer Art Hetze gegen Muslime gleichkommt, ist unehrlich und, wie so oft in der Politik, kurzsichtig. Die unattraktiven und wohl auch ungewollten Bettgenossen dieser Bemühungen sind die rechtpopulistischen Parteien, wie zum Beispiel die AfD, die im letzten Wahlkampf erklärte, dass sie „eine der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland“ sei.
Mit Blick auf die vom radikalen Islam ausgehende Gefahr ist die logischste Strategie, sein Wachstumspotenzial, den Boden, auf dem er agiert und gedeiht, auszutrocknen. Bei Muslimen, die in westlichen Ländern leben, ist die Antwort: Integration. Dazu gehört aber eine positive Einstellung und Offenheit dem Islam gegenüber und eine Bereitschaft zum Zusammenleben statt der weitverbreiteten Islamophobie, der Muslime durch die nichtmuslimische Welt ausgesetzt sind.
Israelisch-palästinensischer Territorialstreit hat seinen Weg nach Europa gefunden
Auch was die verbreiteten antijüdischen Einstellungen und Handlungen unter Muslimen, die nicht radikal sind, betrifft, ist noch viel Arbeit zu leisten. Jüdische zionistische Politik war erfolgreich in ihren Bemühungen, eine Heimstätte für die Juden zu etablieren. Die palästinensische Seite hat ihr daraus entstandenes Problem bisher nicht lösen können. Verständlicherweise identifizieren sich viele der Diaspora-Juden mit Israel, dem Land der Juden, dem Land ihres Volkes. Parallel dazu muss man aber verstehen, dass nicht nur Palästinenser in der Diaspora, sondern auch viele Araber und nicht-arabische Muslime sich mit ihren Glaubensbrüdern identifizieren, wenn es um einen externen, nichtmuslimischen Gegner geht. Mit dem israelisch-palästinensischen Territorialstreit verbreiten sich Angst und Hass, auch außerhalb des Streitobjekts.
Das Thema Palästina hat seinen Weg nach Europa gefunden. Das sollte es nicht, und auf keinen Fall darf man diesen Konflikt um ein Territorium zu einem Konflikt werden lassen, in den Gott mit einbezogen wird. Er muss entschärft werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Für das Zusammenleben, für den gesellschaftlichen Frieden müssen die Wogen geglättet werden.
Wie die Wogen geglättet werden können
Bei der Entschärfung spielen Organisationen, die mit Jugendlichen arbeiten, um rassistische, antisemitische und andere Vorurteile sowie falsche Ideen über Ausländer abzubauen, eine wichtige Rolle. Verständlich und berechtigt ist die Forderung des Zentralrats der Juden, in Schulungen für Asylbewerber zur deutschen Sprache, zu Normen und Sitten und den im Grundgesetz vertretenen Werten auch über falsche Ideen zu Juden und Israel aufzuklären. Dabei wäre ein nicht unwichtiger Aspekt der Aufklärung, die Begriffsverwechslung zwischen Juden, Zionisten und Israelis zu verdeutlichen, die besonders unter arabischstämmigen Muslimen weit verbreitet ist.
Doch Aufklärung sollte es nicht nur in eine Richtung geben. Genau diese Begriffsverwechslung muss auch von der jüdischen Seite verstanden und eingesehen werden. Je mehr Israel die Diaspora-Juden miteinbezieht und behauptet, sie zu repräsentieren, und je mehr Israel verlangt, als jüdischer Staat anerkannt zu werden, je mehr sich Diaspora-Juden als Repräsentanten Israels aufführen und automatisch die israelische Politik in Schutz nehmen, desto mehr Unklarheit wird in der Differenzierung zwischen Jude und Israeli herrschen.
Kampf gegen muslimischen Judenhass muss mit „sauberen Händen“ angegangen werden
Der israelische Islamwissenschaftler Emmanuel Sivan spricht davon, wie wichtig es ist, dass der Kampf gegen muslimischen Antisemitismus mit sauberen Händen angegangen werden muss: Nicht nur aus ethischen, sondern auch aus pragmatischen Erwägungen ist es wichtig, jegliche Stereotype und Vorurteile, die Juden gegen Muslime pflegen, zu beseitigen. Auch ist es essentiell – um die Gefahr dieses Antisemitismus richtig und mit rechtem Maß zu bewerten –, die sozio-ökonomische Lage, welcher der muslimische Antisemitismus oft entstammt, zu verstehen.
Sivan plädiert für eine Art positive Diskriminierung gegenüber den muslimischen Minoritäten im Westen, mit der Begründung, dass damit deren Feindseligkeit gegenüber Juden nachlassen würde. Zuletzt empfiehlt er, vorsichtiger, ohne Übertreibung und nur fundiert über antisemitische Vorfälle zu berichten. Das bedeutet zum Beispiel, sich abzugewöhnen, jeden Mobbingfall zur Antisemitismusschlagzeile zu machen.
Ist muslimische Judenfeindlichkeit eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden?
Ist also muslimischer Antisemitismus eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Unangenehm ist er immer, manchmal sogar bedrohlich, aber eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden ist er nicht. Doch könnte die Art, in der man den Nahost-Konflikt wie auch sporadische antijüdische Eruptionen manipuliert, dazu führen, dass daraus tatsächlich eine Gefahr entsteht.
Beim Antisemitismus messen wir Meinungen und Einstellungen. Dabei sind nicht Vorurteile, sondern Taten, Gewalttaten, das wirklich Gefährliche. Wenn per Zauberstab über Nacht allen Muslimen ihre antijüdischen Vorurteile genommen wären, würden sich diejenigen, die dazu neigen, ihre Meinungen gewalttätig zu äußern, eben andere Objekte suchen. Eine vorurteilsfreie Gesellschaft und Welt mag vielleicht wünschenswert sein, ist aber wohl unrealistisch. Sicherlich sollte man Menschen gegen Hassgefühle jeder Art erziehen. Wichtiger ist es aber, sich mit den Faktoren, die Frust, Ärger, Zorn und Hass zu Gewalt werden lassen, zu beschäftigen. Hier spielen die Frage der Integration und Problemlösungsstrategien für die Bevölkerung eine große Rolle. Das sollte in unser aller Interesse sein.
Kriminelle Handlungen dürfen wir nicht Dulden – ebenso Antisemitismus als Schreckgespenst
Auch wenn man meine Meinung nicht teilt, sollte man die intellektuelle Ehrlichkeit besitzen und anerkennen können, dass es Menschen gibt, die in ihrem Kampf um Palästina die Existenz Israels nicht zu akzeptieren bereit sind. Solang der territoriale Konflikt ungelöst ist, ist dieser Kampf nicht beendet. Solang der Konflikt offenbleibt, bleibt auch die Wunde offen, und mit ihr Vorurteile und Hass, die wahrscheinlich selbst lange nach einer Lösung des Konflikts noch weiterleben werden.
Kriminelle Handlungen dürfen wir nicht dulden. Aber die Behauptung, dass antiisraelische Äußerungen, deren Quelle offensichtlich der territoriale Streit um Palästina ist, antijüdisch und damit antisemitisch sind, ist unehrlich. Verständlich ist dabei die historisch bedingte Sensibilität der deutschen Politik gegenüber allem, was mit Juden und Judentum verbunden ist. Doch darf auch diese nicht – vor lauter Vorsicht – die Auswirkungen und Spiegelung des Nahost-Konflikts durch in Deutschland lebende Muslime falsch einstufen und Antisemitismus behaupten, wo es keinen gibt. Die intellektuelle Attraktivität des Konzepts eines beweglichen Antisemitismus darf keine Lizenz sein, da, wo kein Antisemitismus ist, Antisemitismus als Schreckgespenst an die Wand zu malen. Nur ehrlich, differenziert und exakt kann der wahre Antisemitismus vermessen und bekämpft werden.
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