
Mit dem eigenen Herzen nach dem Tod das Leben eines anderen zu retten, ist ein wahrer Akt der Menschlichkeit. Mit einer Niere das Leiden eines anderen zu beenden, ist praktizierte Nächstenliebe. Dennoch: Die Widerspruchslösung geht von einer irrigen Grundannahme aus. Sie ist der falsche Weg, die Zahl der Spender zu erhöhen. Morgen befasst sich der Bundestag mit dem Thema.
Der Mann ist Haushaltspolitiker, er kümmert sich normalerweise um Geld, um Finanzen. Bei einem wichtigen gesellschaftspolitischen Thema aber verspürt Otto Fricke dann doch den starken Drang, sich immer wieder zu erklären. Zum Beispiel so: „Als Organspender (seit 15 Jahren) lehne ich die Widerspruchslösung ab: Niemand darf ohne seinen Willen automatisch potentieller Spender sein“, teilte der 53-Jährige neulich per Twitter mit.
Es ergeht in diesen Wochen vielen ähnlich wie dem FDP-Bundestagsabgeordneten. Sie haben eine Spenderausweis, sie wollen nach ihrem Tod ihre Organe zur Verfügung stellen für Menschen, die sie dringend brauchen. Sie verspüren dennoch ein großes Unbehagen bei der doppelten Widerspruchslösung, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeschlagen hat. Danach wäre jeder automatisch Spender — es sei denn, er (oder sie) hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen oder seine Hinterbliebenen widersprechen nach dem Hirntod (daher „doppelt“).
Organe als Verfügungsmasse?
Morgen diskutiert der Bundestag über das Thema. Woher rührt dieses Unbehagen an diesem Vorschlag selbst bei Menschen, die selbst gern spenden wollen?
Die Widerspruchslösung suggeriert, dass ein Körper nach dem Tod der Allgemeinheit gehört – es sei denn es gibt ein ausdrückliches Veto. Diese Sicht auf Patienten und ihre Organe vermittelt ein zweifelhaftes Bild von Regel und Ausnahme. Denn sie geht zunächst davon aus, dass andere über den Körper eines Verstorbenen verfügen können, es sei denn es gibt ausdrücklichen Widerspruch. Eine Spende aber ist eine Spende, motiviert durch uneingeschränkte Freiwilligkeit.
Katholische Kirche legt Veto ein
Die katholische Kirche spricht sich mit einer Doppel-Botschaft gegen Widerspruchsregelung aus. Sie steht der Organspende ausdrücklich positiv gegenüber. Sie sei „für Christen ein Akt der Nächstenliebe, auch über den Tod hinaus“, betont Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin. Er wirbt offensiv für mehr Spenden und auch für mehr Werbung für solche Spenden. Aber: „Ethische Voraussetzung für die Organspende als moralischer Akt und als Ausdruck eines hohen Ethos ist, dass der Spender beziehungsweise seine Angehörigen diesem Akt informiert, ganz bewusst, freiwillig und ausdrücklich zustimmen.“ Selbstbestimmung, Patientenautonomie und die Würde des Menschen würden jedoch durch die Widerspruchslösung unterminiert.
Hierzulande gibt es einen eklatanten Widerspruch zwischen Theorie und Praxis bei der Bereitschaft zur Organspende. Noch nie standen so viele Menschen einer Organ- und Gewebespende aufgeschlossen gegen über. 80 Prozent der Menschen sind grundsätzlich bereit zu einer Organspende. Sagen sie. Dann aber gibt es ein krasses Gefälle. Nur 36 Prozent haben einen Organspende-Ausweis. Und vor allem: Die Zahl der Organspender erreichte im vorigen Jahr mit nicht einmal 800 Spenden einen alarmierenden Tiefpunkt. Aktuell steigen die Zahlen zwar wieder leicht an, dies jedoch auf einem peinlich niedrigen Niveau.
Belgier spenden dreimal so oft
Nach der Statistik von Eurotransplant, der europäischen Vermittlungsstelle für Organspenden im niederländischen Leiden, gibt es zum Beispiel in Belgien bezogen auf die Bevölkerung dreimal so viele Spender wie in Deutschland. Das provoziert auch die Frage, wie eine gerechte Verteilung von Organen an Schwerstkranke aussehen soll. Schwere der Krankheit und die Perspektive der Patienten sind heute Schlüsselkriterien.
Aktuell warten 10.000 Patienten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Etwa 8000 brauchen dringend eine Niere. Immer wieder sterben Menschen, weil sich für sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan fand. Für ein hochentwickeltes Land, das sich in internationalen Debatten immer viel auf seine ethischen Standards zugutehält, ist das ein unhaltbarer Zustand.
Minister will Kliniken stärker unterstützen
Irgendetwas also stimmt da nicht in Deutschland.
Was da nicht stimmt, hat der Minister erkannt: Das Problem liegt in den Kliniken. Organspenden sind in deutschen Krankenhäusern eher die große Ausnahme als die Regel, weil die Strukturen nicht stimmen, weil Krankenhausärzte oft vor Arbeit kaum noch ein und aus wissen. Genau hier will Spahn per Gesetz nachhelfen: „Deshalb wollen wir weiter Überzeugungsarbeit leisten. Zudem werden wir die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken stärken und die Vergütung so verbessern, dass sich die Kliniken wirklich um dieses Thema kümmern", kündigte der Minister an.
Hilfe bei Diagnose des Hirntods
Bei der Diagnose des Hirntods sollen kleinere Krankenhäuser durch einen bundesweiten neurologischen Bereitschaftsdienst unterstützt werden. Auch das sogenannte Berichtssystem, das bisher nur dürftig entwickelt ist, soll so verbessert werden, dass transparent wird, welche Kliniken die Chancen nutzen – und welche nicht. Das Gesetz tritt, wenn alles nach Plan verläuft, in der ersten Jahreshälfte 2019 in Kraft.
Gut möglich, dass diese Veränderungen schon die echte Trendwende bringen. Warum also nicht erst einmal die Erfolge abwarten?
Organspende beim Behördengang besprechen
Auch von der Grünen-Spitze kommen Bedenken gegen die Widerspruchslösung. Sie wäre „ein starker Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht“, meint Parteichefin Annalena Baerbock. Sie schlägt stattdessen vor, Behördengänge und Spenderfragen zu verknüpfen. Wenn Bürger einen neuen Ausweis oder Pass beantragen, sollten sie angeben, ob und wenn ja welche Organe sie spenden möchten – und sie sollen eben auch signalisieren können, ob sie sich überhaupt äußern möchten. Auch die Frage, wer im Unglücksfall gegebenenfalls entscheiden soll, stünde dann an.
Morgen ab 13 Uhr diskutieren die Bundestagsabgeordneten über das hochemotionale Thema. Es ist eine „Orientierungsdebatte“, eine Entscheidung fällt also noch nicht. Oft genug, wenn die deutschen Parlamentarier ethische Fragen diskutierten, wurde dies zu einer beeindruckenden Visitenkarte der politischen Kultur in Deutschland.
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