Es scheint, als könnte diesen Mann nichts aufhalten. Bester Schüler, brillanter Student, Jung-Millionär, Wirtschaftsminister, jüngster Präsident Frankreichs aller Zeiten. Und nun hat Emmanuel Macron womöglich noch Aussicht auf eine absolute Mehrheit im Parlament. „Kann er übers Wasser laufen?“, fragte kürzlich eine französische TV-Moderatorin. „Wenn es funktioniert“, unkte Nicolas Sarkozy vor dem ersten Wahlgang zur französischen Nationalversammlung vorige Woche, „ist Macron ein Genie, und wir müssen uns vor ihm verneigen.“
Es sieht so aus, als müsse der ehemalige Präsident genau das demnächst tun.
Aus dem Nichts, in nur 14 Monaten, eroberte Macrons Bewegung La République en Marche nicht nur den Élysée-Palast, sondern mit 32 Prozent auch das Parlament. Republikaner, den rechtsextremen Front National und vor allem die Sozialisten ließ die politische Jungschar weit hinter sich.
Alle am Ende - bis auf Macrons "en Marche"
Was Macron gelang, kommt einer Revolution gleich: Aus dem Stand brach er das verkrustete französische Parteiensystem auf. „Wir stehen vor einer gewaltigen Klatsche, ich bin froh, wenn es endlich vorbei ist“, räumte der konservative Spitzenkandidat François Baroin ein. Und Marine Le Pens Berater Bruno Bilde klagte: „Wir sind alle k. o. - bis auf La République en Marche.“
Nicht nur deutsche Wahlkämpfer fragen sich neiderfüllt, wie ein politisches Start-up so schnell so erfolgreich werden konnte. War es der richtige Zeitpunkt? Das Charisma des Personals? Moderne Kommunikationsmethoden? Es ist wohl von allem etwas. Jahrelang ertrugen die Franzosen minimales Wachstum, Arbeitslosigkeit, Korruptionsskandale in der Elite, Terroranschläge.
Start-up-Atmosphäre im "Bunker"
Und plötzlich predigte da einer Hoffnung, einer, der nicht dem politischen Establisment angehörte, der versprach, die Grande Nation wieder aufzurichten. Seine erste Aufgabe bestehe darin, das Selbstvertrauen seiner Landsleute zu stärken, betonte Macron zum Amtsantritt. Sein Programm, weder rechts noch links, spricht vor allem Frankreichs Mittelklasse an, die vom politischen Lagerdenken seit Langem die Nase voll hat. Macron selbst sei, so der Frankreich-Kenner Henrik Enderlein, so etwas „wie eine personifizierte Koalition“.
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270.000 Franzosen engagierten sich in den vergangenen Monaten für Macrons Bewegung. In den letzten Tagen des Wahlkampfs liefen fast nur noch Anhänger von En Marche! durch die Straßen und warben an den Haustüren um Wählerstimmen. Auch im „Bunker“, wie das Hauptquartier der Bewegung in Paris heißt, herrscht Start-up-Atmosphäre. Sprüche wie „The Sky is the Limit“ und „Just do it“ hängen an den Wänden. Ein Poster zeigt Macron als Superman.
Macron ist im Netz immer zu sehen
Der scharte Fachleute - keine Polit-Profis - als Berater um sich und einen kleinen Kreis politisch versierter Vertrauter wie Richard Ferrand, den Generalsekretär der Bewegung, jetzt Minister für territorialen Zusammenhalt. Dazu zählt auch Mounier Mahjoubi. Der Computer-Nerd mit marokkanischen Wurzeln entwarf Macrons Digital-Strategie.
Kein Präsidentschaftskandidat war häufiger in Live-Videos zu sehen als er. Als Macron mit wütenden Arbeitern in Amiens diskutierte, waren Medien nicht zugelassen. Dafür posteten Mahjoubis Leute den Disput auf Facebook - mit millionenfacher Resonanz.
Mahjoubi, der zahlreiche Start-ups gegründet hat und nun Macrons Digitalminister ist, hält sich auch zugute, Schäden von Hacks in die En-Marche!-Computer begrenzt zu haben. Wie Obamas Team nutzten die Macron-Aktivisten die US-Software NationBuilder, um Kontakte mit den Wählern zu pflegen und Spenden einzuwerben.
Macrons Armee von politischen Neulingen begeistert die Franzosen
Für die Parlamentswahl stellte Macron jede Menge Seiteneinsteiger auf, mehr als ein Drittel der 525 Kandidaten. Normale Bürger sollen das Vertrauen der Franzosen in die Politik wiederherstellen. Allerdings, so stellte „Le Monde“ in einem Kandidaten-Check fest, seien unter ihnen gerade mal zwei Arbeiter. Fast alle anderen gehörten der gehobenen Mittelschicht an: Ärzte, Ingenieure, Anwälte, Berater, Unternehmer.
Das Kalkül ging zumindest im ersten Wahlgang auf: Macrons Leute fegten gestandene Politgrößen vom Platz. Dabei konnten sich viele Wähler nicht einmal die Namen der Bewerber merken. Die Abkürzung LREM für La République en Marche reichte. „Man hätte auch Puppen aufstellen können“, kommentierten Kritiker bissig im Internet.
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Insgesamt 19.000 Kandidaten wurden gecastet wie bei einem TV-Gesangswettbewerb. Eine neunköpfige Kommission unter Ex-Minister Jean-Paul Delevoye führte 1700 Gespräche. Lokales Engagement und Kampagnenkompetenz gaben den Ausschlag. Die Kommission traf eine Vorauswahl, das letzte Wort hatte Macron.
Jeden Morgen erhalten die Kandidaten nun aus der En- Marche!-Zentrale eine Mail mit Themen und Terminen. „Diese Armee von politischen Neulingen schützt vor Rebellion“, sagt ein Vertrauter des Präsidenten. „Es wird Dilettantismus geben, aber weniger Parteitaktik.“
Macronaparte zeigt absolutistische Züge
Doch die Macromania hat auch Grenzen. Nicht nur weil Gewerkschaften und Linke den wirtschaftsliberalen Kurs des neuen Präsidenten fürchten. Kritiker machen am jungen Strahlemann erste absolutistische Züge aus. „Jeder unserer Kandidaten wird mit mir den Vertrag der Nation unterschreiben“, erklärte Macron. „Damit verpflichtet er sich, an meiner Seite für die großen Projekte zu stimmen und unsere Vorhaben zu unterstützen. Es gibt keine Meuterer.“
Macronaparte, wie ihn manche bereits nennen, hat ein Faible für die Monarchie. „In der französischen Politik gibt es keinen König mehr, und ich bin der grundlegenden Überzeugung, dass das französische Volk seinen Tod nicht gewollt hat.“ Eine Anspielung auf die Hinrichtung Ludwigs XVI. Tatsächlich agiert Macron eher wie ein abgehobener Herrscher mit totaler Kontrolle über sein Image. Er inszeniert sich lieber durch Bilder als durch Worte: Unvergessen ist sein dramatischer Auftritt im Hof des Louvre, zu dem Beethovens Europahymne „Ode an die Freude“ erklang. Von der neuen Hoffotografin Soazig de la Moissonnière lässt er sich in Szene setzen - à la Obama sympathisch, kinderlieb, als starker Führer. Dafür hält er die Medien auf Abstand. „Ich werde sie nicht in die Küche lassen. Sie sind keine Freunde.“ Er respektiere sie, doch zu viel Nähe sei nicht gut.
Mischung aus Mitterand und Obama
Macron wolle dem Amt wieder Macht verleihen, indem er auf Distanz gehe, sagt Christian Delporte, Experte für politische Kommunikation an der Universität von Versailles. „Er steht zwischen Tradition und Moderne. Die Tradition ist das Mitterrand-Modell der seltenen Stellungnahmen. Der moderne Teil ist Obama, das geleckte Bild, das man der Presse gibt.“ Gespräche mit Journalisten, die wie bei seinem Vorgänger François Hollande breitgetreten wurden, schaden nach Macrons Meinung der Würde des Amtes.
Zu viel Nähe ist das eine, Einflussnahme das andere. So meldete sich Macrons Justizminister François Bayrou beim Sender France Inter, um sich über Recherchen zum Finanzgebaren der EU-Abgeordneten seiner Partei zu beschweren. Und Arbeitsministerin Muriel Pénicaud reichte Klage gegen die Zeitung „Libération“ wegen Hehlerei ein, weil diese vorab ein Papier zu radikalen Arbeitsmarktreformen publiziert hatte. Die Klage zog die Politikerin zwar zurück, jetzt prozessiert sie aber wegen Diebstahls.
Macron gegen May - Erneuerer gegen Rückschritt
Die symbolhafte Inszenierung beherrscht Macron auch im Umgang mit ausländischen Staatschefs. Etwa als er Russlands Präsident Wladimir Putin im pompösen Versailles empfing oder wie diese Woche beim Treffen mit der britischen Regierungschefin Theresa May in Paris. Konnte es einen größeren Gegensatz geben? Er, der strahlende Sieger, vom Volk getragen, neben der glücklosen Wahlkämpferin, die um jede Stimme für ihre Regierung wird ringen müssen und womöglich bald von den eigenen Leuten entmachtet wird. Eine bessere Werbung vor dem zweiten Wahlgang an diesem Sonntag war kaum möglich.
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Macron, der charismatische Führer mit seiner dynamischen Bewegung im Rücken, May, die steife Britin, deren Partei gerade zerfällt. Der weltoffene Erneuerer, der die Zukunft seines Landes in der EU sieht und sie reformieren will, gegen eine Traditionalistin, die einfach nur rauswill aus dem Staatenbund. „Die Welt und Europa brauchen heute mehr denn je Frankreich“, erklärte Macron in seiner ersten Rede im Élyseé selbstbewusst. Doch kann er das wirklich - Frankreichs Aufbruchstimmung in die EU tragen?
Zwar stießen Macrons weitreichende Ideen zur Stärkung der Euro-Zone grundsätzlich auf Wohlwollen des deutschen Finanzministers. Aber Vorhaben, die zu EU-Vertragsänderungen führen, gelten als unrealistisch. Etwa die Etablierung eines Euro-Finanzministers. Wahrscheinlicher sind Fortschritte auf dem Weg zu einer Europäischen Verteidigungsunion. Schon beim EU-Gipfel in der nächsten Woche wollen Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel das Ziel vorantreiben. Es geht um gemeinsame Rüstungsbeschaffung und die Entwirrung des derzeit 178 verschiedene Waffensysteme zählenden Arsenals der 28 Mitgliedsstaaten. Gebremst hatten dabei immer die Briten.
Ganz selbstlos ist auch Frankreichs Hoffnung nicht
Ob ein Brexit automatisch zur Vertiefung der EU führt, ist fraglich. Die Gräben in der Flüchtlingspolitik wird auch Macron nicht schließen können. Dazu sind die nationalen Eigeninteressen in der EU zu stark. Soeben leitete die EU-Kommission Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen, Ungarn und Tschechien ein. Die drei weigern sich beharrlich, Flüchtlinge aus Italien und Griechenland aufzunehmen.
Den bevorstehenden Brexit nutzte Macron dafür in eigener Sache: In einem Video warb er um Banken und Versicherungen, aus London nach Frankreich zu kommen. Ganz selbstlos ist eben auch der überzeugteste Europäer nicht.
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