
Die deutsche Nationalmannschaft erlebt in Kasan das schlimmste Desaster ihrer WM-Geschichte. Bei der Schuldfrage ist bei vielen der erste Reflex: Mesut Özil. Doch die Zahlen beweisen, dass der DFB-Buhmann keineswegs zum Sündenbock für das WM-Aus taugt.
Welch ein jähes Ende. Nach dem 0:2 gegen Südkorea steht das Ausscheiden als Gruppenletzter in der Vorrunde fest.
Schon kurz nach dem Ausscheiden beginnt die Aufarbeitung. Allen voran die Frage: Wer trägt Schuld am WM-Debakel? Und der erste Reflex ist erwartbar: Für viele ist Mesut Özil nicht erst seit der Erdogan-Affäre der Buhmann, jetzt soll er auch hauptverantwortlich für das WM-Aus sein.
"Die Spieler waren nicht bei einhundert Prozent. Niemand war in der Lage, diese Mannschaft zu führen", führt etwa Mario Basler aus, um dann nach seiner unsäglichen "Toter-Frosch"-Kritik explizit gegen Özil nachzulegen: "Er ist nicht dieser Führungsspieler, der er gerne sein möchte."
Die Zahlen sind neutral
Abgesehen davon, dass es in der deutschen Mannschaft ganz andere Kandidaten gibt, die den Anspruch haben, Führungsspieler zu sein: Kritik an seiner Körpersprache begleiten den Mittelfeldspieler seit Jahren, besonders im DFB-Trikot. Nach der Niederlage gegen Südkorea wird wie schon nach dem Mexiko-Spiel besonders Özil negativ herausgestellt. In beiden Spielen zählte er bei weitem nicht zu den schwächsten Deutschen.
Gut, dass immerhin die Zahlen neutral sind – und die zeichnen ein ganz anderes Bild vom DFB-Spielmacher. Allzu viele Torchancen hatte die deutsche Mannschaft gegen Südkorea nicht. Aber wenn, war Özil der Initiator.
Video: Nach WM-Debakel beleidigt? Mesut Özil gerät mit deutschen Fans aneinander
Sieben Chancen bereitete Özil während der 90 Minuten vor – WM-Bestwert: Kein anderer Spieler war in den bisherigen 44 WM-Spielen für mehr Tormöglichkeiten verantwortlich.
Sei es Timo Werners Großchance in der ersten Halbzeit, Toni Kroos' Schuss nach einer Stunde oder Mats Hummels' missglückter Schulter-Kopfball kurz vor Schluss – initiiert wurden die Chancen allesamt von Özil, der zudem 85 Prozent seiner 110 Pässe an den Mann brachte und weite Wege ging.
Beendet Özil seine DFB-Karriere?
Allein, die Chancen wurden nicht verwertet – wie übrigens auch schon in den beiden Partien zuvor. Keine Mannschaft spielte in den ersten zwei Spieltagen mehr Chancen als die DFB-Auswahl heraus. Dass dabei nur zwei Törchen dabei heraussprangen, ist ein großer Teil des Problems.
Die Diskussionen um Özil werden indes weitergehen. Gut vorstellbar auch, dass der 29-Jährige seine Karriere im DFB-Trikot nach 92 Spielen (40 Assists/23 Tore) beendet. Was in ihm vorgeht, weiß in der Öffentlichkeit niemand so wirklich.
Seit dem Treffen mit Erdogan schweigt Özil beharrlich. Das hat die kritischen Meinungen gegenüber dem Weltmeister von 2014 nur verstärkt.
Welchen Einfluss das Thema Erdogan letztlich auf die deutsche Mannschaft und deren Auftreten in Russland hatte, bleibt indes unklar. Als Ausrede für das Versagen eines ganzen Teams taugt es jedenfalls nicht. Ebenso wenig wie Özil als Sündenbock für das WM-Scheitern.
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