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Thursday, August 2, 2018

Kommentar - Was der Umgang mit Cem Özdemir über Integration in Deutschland aussagt

Kommentar: Was der Umgang mit Cem Özdemir über Integration in Deutschland aussagt
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Er ist Akademiker, er war Parteichef, er hatte großen Erfolg. In diesen Tagen aber ist er für viele offenbar vor allem eins: der gefühlte Ausländer, der Türkei-Experte vom Dienst: Was das Beispiel Cem Özdemir über Integration in Deutschland aussagt.

Die großen Hürden bei der Integration – die wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten in Deutschland oft besprochen. In den zurückliegenden Wochen aber kamen die kleinen alltäglichen Signale der Ausgrenzung mit neuer Wucht zutage, als tausende Menschen mit ausländischen Wurzeln unter dem Hashtag „Metwo“ von Verletzungen berichteten. Das seltsamste Beispiel für tief sitzende Vorurteile aber findet sich gerade nicht im Bereich der vielen „Normalos“, sondern in der politischen Promi-Liga.

Da gibt es jemanden, der sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat: geboren in Baden-Württemberg, Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg, Abschluss als Diplom-Sozialarbeiter. Typisch deutscher Werdegang also. Weniger typisch: Der Mann stand über neun Jahre an der Spitze einer Partei – das sind in Deutschland fast Merkel‘sche Dimensionen. Seit einigen Monaten aber ist er nicht mehr Parteichef. Und zu welchen Themen wird dieser Mann gefragt? Zu Migrationsthemen. Vor allem: zur Lage in der Türkei. Ständig, immer wieder. Und seit der nationalen Aufregung um Mesut Özil mit gesteigerter Häufigkeit. Denn der Mann, von dem hier die Rede ist, heißt nicht etwa Jochen Müller oder Karl-Heinz Schulz, sondern Cem Özdemir.

Der gefühlte Ausländer?

Genau hier könnte auch das Problem liegen. Offenbar ist Özdemir bis heute für viele eine Art gefühlter Ausländer. Gefühlt, weil seine Eltern Anfang der 60er Jahre aus der Türkei gekommen sind. Gefühlt auch, weil er selbst einen türkischen Namen hat.

Einen Menschen mit türkischem Namen permanent nach Recep Tayyip Erdogan zu fragen ist etwa so, als würde man jemanden mit niederländischem Nachnamen ständig bedrängen, ob er (oder sie) sich nicht vom Rechtspopulisten Geert Wilders distanzieren möchte. Der Unterschied: Das erste Beispiel ist real, das zweite rein fiktiv.

Auf ein Thema reduziert

Keine Frage: Özdemir hat sich immer mit Migrationsthemen befasst und gern über kulturelle Erfahrungen seiner Eltern, die Anfang der 60er Jahre nach Deutschland kamen, berichtet. Diese Fragen haben ihn, das ist hinterlegt, immer interessiert. Nur: Dass er jetzt quasi auf dieses eine Thema verengt wird, ist höchst irritierend. Dass dies gar nicht weiter auffällt, ist noch irritierender. Ein ums andere Mal erklärt Özdemir, dass der türkische Präsident kein normaler Repräsentant einer Demokratie sei und deshalb auch nicht wie ein normales Staatsoberhaupt in Deutschland empfangen werden dürfe.

Gut zu Fuß, – aber nicht eingewandert

Als Sprecher der Grünen war Özdemir naturgemäß ein Generalist, einer, der bei vielen Themen – von Umwelt über Familien- und Sozialpolitik – als kompetent galt. Aktuell kommt er fast nur als Erdogan-Experte, als eine Art bundespolitischer Türkei-Beauftragter zu Wort. Beginnt da gerade die Rückabwicklung eines Spitzenpolitikers?

So hat sich mitten im Scheinwerferlicht der deutschen Öffentlichkeit in größter Selbstverständlichkeit praktizierte Desintegration verfestigt. „Türke vom Dienst“ als Rollenmodell für jemanden, der in Deutschlands Südwesten geboren ist, für jemanden, der sich – nicht ohne Selbstironie – als „anatolischer Schwabe“ bezeichnet? Er sei zwar „gut zu Fuß“, aber nun wirklich nicht eingewandert, hat Özdemir früher gern gespottet. Mit Wonne wies Özdemir auch oft darauf hin, dass er bei Kopftüchern keineswegs spontan an unterdrückte Türkinnen denkt: „Die ersten Kopftücher sah ich auf der Schwäbischen Alb. Bei den Bäuerinnen.“ Aktuell aber scheint sich Özdemir selbst, diesen Eindruck jedenfalls vermittelt er, in der Rolle des obersten Türkei-Kommentators nicht unwohl zu fühlen.

Erdogan-Kritik auf Knopfdruck

Im nächsten Jahr wählt die Bundestagsfraktion der Grünen ihre Spitze neu. Ein möglicher Kandidat: Cem Özdemir. Auch als künftiger Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird er gehandelt. Dann immerhin könnte sich zeigen ob die Entwicklung vom Breitband-Politiker zum Schmalspur-Experten auch in die umgekehrte Richtung funktioniert. Vergessen, der Özdemir als allzeit präsentiert Erdogan-Kritiker, freie Fahrt wieder für Özdemir, den breit interessierten grünen Generalisten?

Vor wenigen Wochen landete Özdemir auf dem ersten Rang der beliebtesten Politiker im Politbarometer. Obwohl er sich fast nur zu Erdogan äußerte oder womöglich gerade weil er sich fast nur zu Erdogan äußerte? Diese Frage allerdings führt in die absoluten Untiefen politischer Psychologie.

Video: 34 Prozent sind möglich: Jetzt wird der Grünen-Aufschwung für die SPD gefährlich 

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