Als Angela Merkel den Vorschlag der Schulleiterin aus Frankfurt hört, erinnert sie sich an ihre eigene Schulzeit zurück. Man könne doch wieder einen Tag des Lehrers einführen, stellt Rektorin Ingrid König schmunzelnd zur Debatte. „Das kenne ich aus meiner Jugend noch gut“, erwidert die Kanzlerin.
Die Runde von 50 Pädagogen aus Hessen und Berlin, mit denen Merkel vor kurzem im Kanzleramt über Probleme im Bildungswesen beraten hat, lacht. Denn zum Tag des Lehrers in der DDR brachten Schüler ihren Erziehern kleine Geschenke und Blumen mit. Mehr Wertschätzung für den Beruf, da war sich die Runde aber ganz ohne Spaß einig, ist entscheidend, um künftig mehr junge Leute für diesen harten Job zu gewinnen.
Der Tag des Lehrers wurde in der DDR stets am 12. Juni gefeiert. Es ist wohl ein kurioser Zufall, dass sich Angela Merkel eben jenen Tag vor zehn Jahren ausgesucht hatte, den 12. Juni 2008, um den Deutschen eine Revolution zu versprechen. „Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden“, sagte die Kanzlerin damals und forderte „Bildung für alle“, um den Wohlstand zu sichern.
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Lehrermangel, Stundenausfall, schlechter Unterricht
Die öffentlichen Bildungsausgaben sind seitdem zwar von knapp 90 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf 128 Milliarden im Jahr 2016 gestiegen. Doch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ausgerechnet, dass Deutschland zusätzliche 30 Milliarden Euro pro Jahr aufwenden müsste, um zum internationalen Durchschnitt aufzuschließen.
Schüler, Eltern, Pädagogen und Politiker klagen zum Schulbeginn nun über die Folgen der Unterfinanzierung – über Lehrermangel, Stundenausfall, schlechte Unterrichtsqualität und die föderale Kleinstaaterei. Die selbst ernannte Bildungsrepublik ist in Wirklichkeit eine Möchtegern-Bildungsrepublik.
„Keine Strategie für den Lehrermangel“
Einer, der darunter leidet, ist Gunnar Pfeil. Er leitet das staatliche Berufsschulzentrum Ludwig Erhard im thüringischen Eisenach mit 1600 Schülern. Eines seiner größten Probleme derzeit: Zwei von drei Englischlehrern haben die Schule verlassen. Pfeil ist erfinderisch und spannt jüngere Kollegen, die die Sprache beherrschen, für den Englischunterricht ein. Auch eine Kanadierin, die vor einer Weile nach Eisenach gezogen ist, hat er an die Schule geholt. Doch all das reicht aus seiner Sicht nicht aus. „Wir brauchen einfach mehr Stellen.“
Thüringen ist zudem in einer schwierigen Lage. Mit Bayern und Hessen hat das Land zwei Nachbarn, die bessere Bedingungen bieten. 300 bis 400 Euro können Lehrer dort mehr verdienen. Mittlerweile buhlen fast alle Bundesländer um Nachwuchs aus der ganzen Republik, ein Überbietungswettbewerb.
„Wir haben keine gesamtdeutsche Strategie für den Lehrermangel“, gesteht der thüringische Kultusminister Helmut Holter (Linke) ein. Er ist derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz und somit einer der wichtigsten Bildungspolitiker des Landes „Das ganze Leid ist selbst gemacht“, sagt der KMK-Chef. Anfang der 2000er-Jahre hieß es noch, es gebe zu viele Lehrer. Danach haben die Länder immer weniger ausgebildet. Derzeit fehlen rund 40.000 Pädagogen, schätzt der Lehrerverband.
Im Video: 54.000 Euro aufwärts – so viel Geld verdienen Lehrer in Deutschland
Während Baden-Württemberg ältere Erzieher länger arbeiten lässt und mehr Lehrer in Vollzeit holt, setzt Berlin auf „Branchenfremde“. Von 2700 neu Eingestellten sind in der Hauptstadt beinahe zwei Drittel keine voll ausgebildeten Lehrer.
„Quereinsteiger können helfen, das Problem zu lösen. Aber es darf nicht passieren, dass sie einen Großteil des Kollegiums ausmachen“, mahnt KMK-Präsident Holter.
Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, befürchtet Einbrüche bei Vergleichstests wie Pisa. „Es ist zu erwarten, dass gerade den Grundschülern wichtiges Wissen nicht richtig vermittelt wird. Ihr Leistungsniveau wird sinken.“
Größte Sorge: Mint-Fächer
Der Bildungsforscher Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut bezweifelt, dass die Quereinsteiger Abhilfe schaffen. „Das Problem ist, dass die Schulen für die Mint-Fächer eh kaum Quereinsteiger finden“, sagt Wößmann. Genau dort werden aber die meisten gebraucht.
Er macht daher einen Vorschlag: die Klassen vergrößern. „Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass Schüler durch größere Klassen schlechter oder kleinere Klassen besser werden“, sagt der Ökonom. Politisch – darüber ist er sich im Klaren – ist das kaum umzusetzen. Allerdings lenkt Wößmann damit die Debatte auf ein Thema, das in der Öffentlichkeit oft nur eine nachgeordnete Rolle spielt: die Unterrichtsqualität.
Susanne Eisenmann, eine energische, zupackende Frau mit kurzen blonden Haaren, treibt das schon lange um. Seit 2016 ist die CDU-Politikerin Kultusministerin in Baden-Württemberg – und muss ausgerechnet im Ländle eine Bildungsmisere in den Griff bekommen.
Unterrichtsmethode „Schreiben nach Hören“ verboten
In Sachen Lesekompetenz und Textverständnis fiel Baden-Württemberg vor drei Jahren im bundesweiten Vergleich von Platz 3 auf Platz 13 zurück, in Sachen Orthografie von Rang 2 auf 10. Eine von Eisenmanns ersten Amtshandlungen: Unterrichtsmethoden wie „Schreiben nach Hören“ verbieten. Stattdessen setzt sie auf klassisches Pauken. „Unsere Schüler haben Defizite in den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen. Also haben wir hier die Stundenzahl hochgefahren.“
Damit das Ländle keinen erneuten Bildungsschock erlebt, gründet Eisenmann nun ein Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung sowie ein Institut für Bildungsanalysen. Die Idee: Schulen müssen permanent überprüft und wissenschaftlich begleitet werden – dann lässt sich auch die Qualität steigern.
Was Eisenmann in Baden-Württemberg macht, wäre eigentlich in ganz Deutschland nötig. Ginge es nach Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), soll künftig ein Nationaler Bildungsrat deutschlandweit Standards setzen und Vergleichbarkeit garantieren.
Doch Eisenmann, immerhin eine Parteifreundin Karliczeks, macht keinen Hehl daraus, dass sie nicht viel davon hält. Die Grundgesetzänderung, um das Kooperationsverbot zu lockern, ist aus ihrer Sicht „unnötig“. Vielmehr solle Berlin „endlich loslegen und aufhören, immer nur Dinge anzukündigen“, sagt Eisenmann mit Blick auf den milliardenschweren Digitalpakt, mit dem die Bundesregierung die Länder unterstützen will. Karliczek weiß, dass sie ohne die Länder kaum etwas bewegen kann. „Ich bin keine Bundes-Schulministerin“, sagt sie deswegen besänftigend.
Ab 2021 gemeinsame Abitur-Aufgaben für alle Bundesländer
Immerhin: Ab 2021 sollen alle Länder verpflichtende gemeinsame Abituraufgaben bekommen. Schon jetzt gibt es einen Aufgaben-Pool, aus dem sich die Länder bedienen dürfen – künftig sollen sie dies müssen. Es wäre ein deutschlandweites Zentralabitur, das den Namen verdient.
KMK-Chef Holter will noch weitergehen und Vergleichbarkeit für die Haupt- und Mittelschulen und sogar für die Grundschulen schaffen. „Egal, wo jemand zur Schule geht“, sagt Holter, „die Ausbildung muss überall auf einem gleich guten Level sein.“ Wenn es so käme, wäre es die Bildungsrevolution, die Angela Merkel einst versprochen hatte.

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