Das Ende ihrer Karriere in der AfD-Bundestagsfraktion erlebte Gudrun Gramm nicht nur ohne Vorwarnung, sondern auch unter Umständen, wie sie selbst im rauen Politikbetrieb selten vorkommen.
Am Donnerstag vorvergangener Woche verkündete ein Vertreter der Fraktionsführung der bisherigen Personalchefin nicht nur ihre Entlassung, sondern untersagte ihr auch, ihre persönlichen Dinge aus dem Büro-Rollcontainer mitzunehmen – etwa ihr privates Notizbuch.
Gramm war mit ihrem Boss über Kreuz geraten, Vize-Fraktionschef Leif-Erik Holm, der sich federführend um Personalfragen kümmert. Schon Widerworte genügen in der Rechts-Fraktion für den Rauswurf. Manchmal reicht auch schlichtes Misstrauen.
„Jeder fragt sich: Wer ist der Nächste?“
Im Oktober 2018 kündigte der Fraktionsvorstand dem vormaligen Finanzverantwortlichen Frank Kral fristlos wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten – die Kral bestreitet. Der erste Geschäftsführer der Fraktion, Hans-Joachim Berg, ehemals Referent des CDU-Politikers Alfred Dregger, wurde schon Anfang 2018 aus dem Amt gedrängt, gerade drei Monate nach seinem Amtsantritt. Unter den mehr als 300 Fraktionsmitarbeitern, klagt ein Referent, sei die Stimmung schlecht wie nie: „Jeder fragt sich: Wer ist der Nächste?“
Die meisten Angestellten und Mandatsträger der Partei möchten sich dazu nicht öffentlich äußern.
Es gibt eine Ausnahme: Hansjörg Müller, Abgeordneter aus Bayern und einer der vier Parlamentarischen Geschäftsführer. „Es herrscht ein Klima der Angst“, sagt er zu FOCUS. „Die Mitarbeiter werden schlecht behandelt.“ Er werde „nicht eher ruhen, bis sie menschlich behandelt werden“.
Fraktionsangestellte beratschlagen derzeit über die Gründung eines Betriebsrats. Eine solche Arbeitnehmervertretung, meint Müller, „werde ich wärmstens unterstützen“.
Auf FOCUS-Anfrage teilte Fraktionschefin Alice Weidel mit, sie wolle zu Personalangelegenheiten nichts sagen.
Schwierigkeiten, noch geeignetes Personal zu finden
Zumindest im Fall des gefeuerten Schatzmeisters Kral wirken die Vorwürfe eher dünn. Dem Finanzexperten wurde vor allem Untreue vorgehalten: Er habe einen Urlaubsflug auf Fraktionsrechnung gebucht. Nach Darstellung des Geschassten hatte die Fraktion ihn allerdings für eine dringende Sitzung aus dem Urlaub zurückbeordert. In solchen Fällen ist es üblich, dass der Arbeitgeber die Kosten übernimmt. „Der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht“, so Kral, „sehe ich sehr gelassen entgegen.“
Als Grund für das ständige Reizklima macht ein Mitarbeiter noch nicht einmal politische Motive aus. Unter den Abgeordneten gebe es einfach „riesengroße Egos“. Und wohl auch Nervosität: Im September steht die Neuwahl der Fraktionsführung inklusive Stellvertreter und Geschäftsführer an.
Mehrere Abgeordnete mahnen, die AfD werde mit ihrer Heuer-und-Feuer-Praxis kaum noch qualifiziertes Personal finden. Auf ihrer Website werben Partei und Fraktion unverdrossen um neue Leute. Das launige Motto dort: „Sie haben uns gerade noch gefehlt.“

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