Während Deutschland auf die nächste GroKo wartet, müssen die Grünen um Aufmerksamkeit kämpfen - mit Robert Habeck und Annalena Baerbock an der Spitze könnte das klappen. Dass sie beide vom Realo-Flügel sind, wird in Hannover fast schon zur Nebensache. So kommentiert die Presse.
"Grüne sprengen auf Parteitag in revolutionärem Akt selbst angelegte Fesseln"
"Badische Neueste Nachrichten": "Doch die Partei sprang über ihren Schatten, mehr noch, sie sprengte auf ihrem Parteitag in Hannover in einem fast revolutionären Akt ihre selbst angelegten Fesseln, die sie immer wieder eingeengt und gelähmt haben. Die Grünen änderten nicht nur ihre Satzung, um die Wahl Habecks möglich zu machen, sondern warfen gleichzeitig auch noch die strenge Quotierung an der Spitze in den Mülleimer."
"Begeisterung auf Grünen-Parteitag lenkt ab von trüber Wirklichkeit"
"Neue Westfälische": "Deutschland hat eine grüne Volkspartei. Diesem Eindruck konnte erliegen, wer am Wochenende die Nachrichten verfolgt hat. Grün, grün, grün auf allen Kanälen. Der lässige Robert Habeck an der Seite der kämpferischen Annalena Baerbock - zwei frisch und dynamisch auftretende Parteichefs, die richtig was bewegen wollen. Doch die Begeisterung auf dem Grünen-Parteitag und die Sympathien darüber hinaus lenken ein wenig ab von der trüben Wirklichkeit: Die Grünen sind im Bund bloß eine 8,9-Prozent-Partei, kleinste Fraktion im Bundestag. Und ihre großen Anliegen - die offene Gesellschaft und der Klimaschutz - sind arg in der Defensive ..."
"Grüne müssen Alternativen zur GroKo vorlegen - mit Frühjahrsputz allein ist nicht getan"
"Reutlinger General-Anzeiger": "Habeck und Baerbock müssen jetzt den Kurs abstecken. Die Grünen als eine Art FDP mit grünem Anstrich? Mehr Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit, um Wähler von Linken und SPD zurückzugewinnen? Dass aus den Grünen eine stramm linke Partei wird, ist mit den beiden Neuen indessen eher unwahrscheinlich. Doch Durchmogeln geht nicht. Kommt die GroKo muss die Opposition Alternativen zur herrschenden Politik vorlegen und sich fürs nächste Mal besser aufstellen. Mit Frühjahrsputz allein ist es dann nicht getan."
"Grüne haben bei der Wahl ihrer Vorsitzenden alles richtig gemacht"
"Badisches Tagblatt": "Selten waren die Reaktionen auf einen Grünen-Parteitag so einhellig positiv wie diesmal in Hannover - und das zu Recht. Denn die Partei hat bei der Wahl ihrer Vorsitzenden alles richtig gemacht. Sie hat ein Duo gewählt, das sympathisch ist, das Aufbruch verkörpert, das aber auch inhaltliche Tiefe bietet.. Der Parteitag gab auch Hinweise darauf, dass sich manche Altvorderen warm anziehen müssen.
Katrin Göring-Eckardt zum Beispiel fiel bei der Wahl des Parteirats in der ersten Runde als einzige Bewerberin durch und wurde im zweiten Durchgang mit dem schlechtesten Ergebnis aller Gewählten doch ins Gremium gehievt. Mancher sah darin schon einen Wink für die Bundestagswahl 2021. Dann könnte die Spitzenkandidatin Baerbock heißen, nicht Göring-Eckardt."
"Übermaß an Erfolg nicht immer gut: An manchen Tagen scheint Habeck abzuheben"
"Kölner Stadtanzeiger:" "Bundeshoffnungsträger Habeck steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Das gilt zunächst persönlich. Seit der 48-Jährige 2002 in die Partei eintrat, ist ihm alles zugefallen: Der Vorsitz in Schleswig-Holstein, das Amt des Fraktionschefs, die Ministerkarriere. Dieses Übermaß an Erfolg ist nicht immer gut. An manchen Tagen scheint Habeck abzuheben. Das Begehren nach einer Satzungsänderung ist ein Beispiel dafür. Selbst in Hannover hat sich Habeck nicht die Mühe gemacht, seinen Wunsch ausführlich zu begründen. Vielmehr sagte er: Wenn ich die Satzungsänderung nicht kriege, dann mache ich es nicht. Das war am Rande der Hybris."
"Habeck muss schnell liefern, sonst bekommt Image des grünen Wunderknaben schnell Kratzer"
"Neue Osnabrücker Zeitung": "Ausgerechnet die Grünen haben sich von Habeck so unter Druck setzen lassen, dass sie die Trennung von Amt und Mandat aufweichten und eine auf den Superstar zugeschnittene Satzung absegneten. Nun hat Schleswig-Holsteins Umweltminister trotz Übernahme des Parteichefpostens die von ihm geforderten acht Monate landespolitische Restlaufzeit.
Was die ihm bringen soll, ist offen: Landespolitisch ist er als scheidender Minister nicht nur ein Auslaufmodell, sondern erschwert mit seinem Festkleben an seinem Sessel möglichen Nachfolgern den Start. Bundespolitisch hat Habeck einen hohen Vertrauensvorschuss von seiner Partei eingefordert. Nun muss er schnell liefern, sonst bekommt das Image des grünen Wunderknaben schnell erste Kratzer."
"Zwei grüne Realos gehen jetzt auf Jagd im roten Revier"
"Süddeutsche Zeitung": "Die Grünen haben das Thema Gerechtigkeit neu entdeckt, das ist strategisch klug, aber nur ein erster Schritt. In Ton und Gestus zielt Baerbocks Auftritt auf enttäuschte Anhänger der SPD, aber auch auf Studenten, Globalisierungskritiker und junge Streiter gegen rechts, die es zuletzt eher zur Linkspartei gezogen hat. Kein Wunder, dass die Linke nach dem Grünen-Parteitag am lautesten motzte. Ausgerechnet zwei grüne Realos gehen jetzt auf Jagd im roten Revier."
"Habeck hat das Zeug, die grüne Durststrecke mit Leben zu füllen"
"Trierischer Volksfreund": "Auf dem vielleicht größten grünen Politik-Talent seit Joschka Fischer lasten noch weitaus größere Erwartungen. Erwartungen, die auch schnell in Ernüchterung umschlagen können. Siehe Martin Schulz. Habeck immerhin zeichnet sich durch einen erfrischend anderen Politikstil aus. Er hat das Zeug, die grüne Durststrecke mit Leben zu füllen. Vorausgesetzt, die Partei lässt ihn machen?- der linke Flügel ist ja nicht verschwunden, nur weil jetzt zwei Realos an der Spitze der Grünen stehen."
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