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Friday, August 31, 2018

Stimmen aus Sachsen - Chemnitz: Zwei "Wutbürger" sprechen über ihren Frust

Stimmen aus Sachsen: Chemnitz: Zwei "Wutbürger" sprechen über ihren Frust
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Sie sind ziemlich beste Freunde und ziemlich wütende Bürger. Der eine schließt sich am Montagabend in Chemnitz einer von Rechtspopulisten initiierten, mit Neonazis durchmischten Demonstration an. Der andere verurteilt den Aufmarsch scharf.

Der eine buht und schreit drei Tage später während des Bürgergesprächs mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Der andere regt sich bei einem Kameramann darüber auf, dass er nur die Rechten im Saal filmt.

Der eine will wegen bereits erlebter Anfeindungen nur seinen Vornamen nennen, der andere nur seinen Nachnamen: Andreas und Feldmann.

Was beide eint, ist ihr Ärger über die amtierende Regierung – und die große Liebe zum Chemnitzer FC. Sie sind im gleichen Fanclub.

Und das bringt sie trotz unterschiedlicher politischer Gesinnung zusammen. "Das ist wie eine Ehe. Die Chemie stimmt einfach", beschreibt Feldmann die Freundschaft zu Andreas. Der nickt. "Wir respektieren die Meinung des anderen", sagt er. Meist gehe es in ihren Gesprächen aber ohnehin nur um Fußball.

Nicht so am Donnerstagabend im Chemnitzer Stadion. Feldmann wird im Gespräch mit Regina Kraushaar, Staatssekretärin des sächsischen Ministeriums für Soziales und Verbraucherschutz, so emotional, dass er währenddessen schwungvoll aufsteht. Seine Augen röten sich vor Zorn und Frust. Irgendwann gibt er auf. "Du bekommst hier keine Antworten. Die hören nur das, was sie hören wollen", ärgert er sich.

Rechter Chemnitzer spricht über Frust

Eigentlich will er nicht mit der Presse sprechen. Sie schreibe vom Nazi-Osten, vom rechtsextremen Chemnitz, stelle Leute wie ihn in die rechte Ecke.

Am Montag ist er bei der Demonstration mitgelaufen, weil Sachsens Regierung den Mord an einem 35-jährigen Mitbürger in seinen Augen verharmlost und ignoriert. Die Tatverdächtigen kommen aus Syrien und dem Irak. Deswegen hat Feldmann Angst. Um seine zehnjährige Tochter, seinen 15-jährigen Sohn und seine Frau.

Er verliert sich in persönlichen Negativerlebnissen, die er mit Flüchtlingen hatte, erzählt von deren großkotzigem und aggressivem Auftreten. Dankbar sollten sie sein, für das Leben, das sie hier in Deutschland führen können.

Stimmen aus Sachsen

Ein Mann wird in Chemnitz auf offener Straße erstochen, danach kommt es zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Sachsen steht derzeit international im Fokus. FOCUS Online wollte wissen: Wie sieht es dort wirklich aus und was denken die Menschen vor Ort über die Ereignisse? Unsere Reporter sind auf Spurensuche in Sachsen gegangen. Sie zeigen, welche Themen die Sachsen in ihrem Alltag beschäftigen. Haben Sie Angst, verspüren sie Hass? Schämen sie sich für ihr Bundesland? Und: Welche Forderungen stellen sie an die Politik?

"Die lassen sich nichts sagen, weil sie so erzogen sind. Bei denen sind Frauen nichts wert", sagt Feldmann – und tut genau das, was er auch den Medien vorwirft: pauschalisieren. Dass er etwas gegen Ausländer hat, verneint Feldmann aber vehement. "Die können hier gerne alle rein kommen", sagt er. Auch Gewalt verabscheue er. Kriminelle Flüchtlinge müsse die Regierung aber resoluter verurteilen und abschieben.

Chemnitzer fordert: Politik muss für Ruhe sorgen

Andreas widerspricht den Ansichten seines Freundes. Begegne er einem Flüchtling auf der Straße, mache er auch mal ein kleines Späßchen mit demjenigen. Wenn dann mal das Eis gebrochen ist, "passieren die witzigsten Sachen", sagt Andreas. Man flachst oder geht zusammen ein Bierchen trinken.

Sich selbst sieht er politisch eher in der Mitte. Eine Zeit lang hat er die SPD gewählt. Er fühlte sich von ihr als Arbeiterpartei mal gut vertreten. Inzwischen nicht mehr. Dann hat er es mit der FDP probiert. Ebenfalls nicht zufriedenstellend: "Das, was der Kubicki jetzt gebracht hat, geht überhaupt nicht". Die Politik müsse nun für Ruhe sorgen, anstatt die angespannte Stimmung noch weiter aufzuheizen.

Am Samstag hat die AfD zu einem weiteren Schweigemarsch in Chemnitz aufgerufen. Auch Björn Höcke wird dabei sein. Davor graust Andreas. Das bedeute nur weitere Hetze. Eben diese Partei liegt in aktuellen Meinungsumfragen in Sachsen aber bei 25 Prozent.

Aus Andreas' Sicht wählen viele im Freistaat die AfD, um den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Hinzu komme, dass Kretschmer und sein Kabinett unter den Bürgern zu wenig bekannt sind.

Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf sei da anders gewesen. Der CDU-Politiker habe Präsenz gezeigt, sei durch die Straßen gegangen und habe Hände geschüttelt. Ein Politiker zum Anfassen. "Das hat den Leuten gefallen, sie haben ihn geliebt. Die wollen hier verhätschelt und getätschelt werden", erklärt Andreas.

Kretschmer als Marionette

Stattdessen aber wächst in vielen Köpfen die Distanz. Feldmann hat sein Urteil über Kretschmer und seine Lakaien längst gefällt: Marionetten in Anzügen mit eigenem Fahrdienst, die in vom Bürger bezahlten schicken Wohnungen leben und nur auf eine Erhöhung ihrer Diäten aus sind.

Feldmanns Frust ist groß – und komplex. Ihn plagen Existenzängste. Er ist Gebäudereiniger, schrubbt fünf Stunden täglich die Toiletten in der TU Chemnitz und liest die Kippen auf, die Studenten achtlos wegwerfen. Jeden Monat kämpft er auf Mindestlohnbasis dafür, dass er Wohnung, Auto und Strom bezahlen kann.

1200 Euro netto monatlich sind das Höchste der Gefühle. Im Jahr reicht das mit dem ähnlich geringen Einkommen seiner Frau für zehn Tage Urlaub an der Ostsee. 2019 kann sich Familie Feldmann vielleicht mal was gönnen und um vier Tage verlängern. Für finanzielle Rücklagen reicht ihr Verdienst kaum. Die Rente ist gering. Feldmann sieht hier nach wie vor ein großes Ost-West-Gefälle, am Rentenpaket müsse die Regierung zwingend ansetzen.

Auch Andreas hat große Zukunftssorgen. Teile seiner Familie starben an Chorea Huntington, einem vererbbaren Gendefekt. Er ist nicht betroffen, bildet sich das aber häufig ein. "Ich bin schwer krank. Ich habe Panikattacken, Depressionen und Angstzustände".

Hinzu kommt ein Belastungssyndrom. Sein Kopf schaltet sich nach wenigen Stunden Arbeit einfach ab. Vor zwei Jahren arbeitete er noch in der Autoaufbereitung. Dann sagte ihm sein Chef, dass es keinen Sinn mehr mit ihm habe. Inzwischen betreut Andreas drei Stunden täglich behinderte Menschen. 58 Jahre jung ist er jetzt.

"Ich muss von 650 Euro leben, das ist knapp. Im letzten Monat wurde meine Miete erhöht. Ich habe Angst vor der Zukunft", gibt Andreas zu. Von der Regierung erwartet er ebenfalls, dass sie endlich etwas gegen das von Feldmann angesprochene Ost-West-Gefälle tut. In Krankenhäusern habe er sich mit anderen Huntington-Patienten aus westlichen Bundesländern unterhalten. "Die haben das Doppelte und Dreifache in meiner Branche verdient", sagt Andreas.

Kindheitserinnerungen aus Karl-Marx-Stadt

Feldmann war zuletzt wirklich glücklich, als er ein Micky-Maus-Shirt trug. Damals als kleiner Junge in der DDR hatte er es in einem Intershop gekauft. Als er mit dem Shirt durch die Straßen von Karl-Marx-Stadt lief, platzte er schier vor stolz. Weil das etwas aus dem Westen war. Das hatte sonst niemand.

Und für den kleinen Jungen machte diese Tatsache das Shirt in einem System, wo er sonst für rationierte trockene Apfelsinen aus Kuba anstehen musste oder ihm die Lehrerin das "Frösi"-Magazin wegnahm und den Inhalt unter den Mitschülern aufteilte, zu etwas ganz Besonderem. Der Westen hatte etwas Fantastisches an sich.

Umso größer war die Enttäuschung, als die Mauer fiel. 100 Westmark Begrüßungsgeld, das wars. Seither fühlen sich sowohl Feldmann als auch Andreas vom Westen in Schubladen gesteckt und nicht gewollt. Dieses Gefühl verstärkt sich angesichts der deutschlandweiten Reaktionen auf die Ausschreitungen in Chemnitz wieder.

Wann er zuletzt so stolz und glücklich gewesen sei – wie damals als Kind im Micky-Maus-Shirt? Feldmann erinnert sich nicht. Seit der Wende sei er das definitiv nicht mehr gewesen. Und er bezweifelt, ob er das jemals wieder sein wird. Dafür laufe zu viel falsch in seinem Land.

Am späten Donnerstagabend überwindet sich zumindest noch Andreas, den Kontakt zu Kretschmer zu suchen. Als er wiederkommt, ist er aufgeregt. "Ich habe den Ministerpräsidenten zum nächsten Heimspiel eingeladen", sagt Andreas zu Feldmann. "Er hat gesagt, er kommt!" Keine Reaktion.

Kretschmer hat zu Beginn des Sachsengespräch gesagt, dass er nicht alle im Saal von sich würde überzeugen können. Bei Feldmann konnte ihm das von Anfang an nicht gelingen. Andreas aber findet: "Man kann sich schon mit ihm unterhalten."

Video: Merkel Schuld an Chemnitz? Als Lanz Kubicki kritisiert, wird der schnippisch

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