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Saturday, December 1, 2018

Flüchtlingskrise im News-Ticker - Rund 57.000 Ausländer ohne Duldung müssten Deutschland verlassen

Flüchtlingskrise im News-Ticker: Rund 57.000 Ausländer ohne Duldung müssten Deutschland verlassen

Die Flüchtlingskrise beschäftigt Politiker und Gesellschaft in Deutschland seit 2015 und ist immer wieder Mittelpunkt von Diskussionen. Auch europaweit ist das Thema beherrschend. Aktuelle Entwicklungen im News-Ticker von FOCUS Online.

Rund 57.000 Ausländer ohne Duldung müssten Deutschland verlassen

Samstag, 01. Dezember 2018, 11. 56 Uhr: Insgesamt 57.112 Ausländer ohne Duldung müssten Deutschland eigentlich verlassen. Das geht aus einer Auskunft der Bundesregierung an die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke hervor. Als offiziell ausreisepflichtig galten Ende Oktober demnach zwar 234.986 Ausländer - doch 177.874 von ihnen und damit drei Viertel waren geduldet.

Bei einer Duldung verzichtet der Staat etwa aus humanitären oder praktischen Gründen auf eine Abschiebung. Die meisten der Ausreisepflichtigen kamen aus Afghanistan, dem Irak und Serbien.

"Ein Großteil der formell Ausreisepflichtigen wird geduldet, viele dieser Menschen dürfen oder sollen aus guten Gründen nicht abgeschoben werden", betonte Jelpke. "Statt nach immer mehr Abschiebungen zu rufen, brauchen wir effektive Bleiberechtsregelungen für diese Menschen."

Im Video: Erste Migranten aus Mittelamerika erklimmen Grenzzaun zu USA

vivi/mit Agenturmaterial
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Politik - Tatort Deutschland

FOCUS Magazin | Nr. 48 (2018)
Politik: Tatort Deutschland
Erstmals bewertet eine Verbrechensstudie die Kriminalitätsgefahren aller deutschen Regionen. Sie belegt: Die Risiken, einer Straftat zum Opfer zu fallen, sind für die Menschen in Deutschland extrem ungleich verteilt

Als Angeklagter beteuerte er, es sei ein Versehen gewesen. Sie seien während eines Streits auf dem Teppich ausgerutscht. Und überhaupt sei sie selbst schuld. Sie habe ihn gereizt. Sabrina Mendel saß als Opfer und Nebenklägerin damals, 2012, im Gerichtssaal und fragte sich manchmal, warum sie sich das alles antue.

Ein Jahr zuvor war der Mann auf der Anklagebank, ihr damaliger Freund, in Wut geraten und hatte sie derart brutal umklammert und gepresst, dass ihr mehrere Wirbel brachen. „Ich habe sofort gespürt, dass etwas Schlimmes passiert war“, erzählt die heute 38-Jährige. Zwar habe ihr Peiniger von ihr abgelassen, aber er habe ihr auch nicht geholfen. Sie lag am Boden und flehte ihn „eine Ewigkeit“ lang an.

Irgendwann habe er seine Eltern gerufen, die sie ins Krankenhaus brachten. Der Täter wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Längst ist er wieder in Freiheit und lebt in jener bayerischen Metropole, in der auch Sabrina Mendel weiterhin wohnt. Ihre Wirbelsäule ist in Brusthöhe künstlich versteift. Sie kann sich in Grenzen und stets nur vorsichtig bewegen. Noch immer hat sie Schmerzen. Medikamente helfen nicht. In ihren Berufsalltag als Erzieherin musste sie sich mühsam wieder einfinden. Es sei nicht so, dass sie „jeden Tag an das Erlittene“ denke, aber sie wisse, dass die Tat „ihr Leben für immer verändert“ habe.

Was sie erzürnt: Ihren gerichtlichen Kampf um Schmerzensgeld muss sie „auf eigene Kosten“ ausfechten. Vom Staat fühle sie sich bisweilen im Stich gelassen.

113.965 Fälle von Häuslicher Gewalt im Jahr 2017

Sabrina Mendel hat diese Rolle sicher nicht gewollt – aber sie ist ein Opfer. Im vergangenen Jahr erlitten in Deutschland 113.965 Frauen „häusliche Gewalt“, wie es in der Sprache der polizeilichen Statistiken heißt. In dieser Deliktsparte sind insbesondere die Taten von Männern erfasst, die ihre Partnerinnen nötigen, missbrauchen, prügeln oder auf irgendeine andere Weise und mit welchen Werkzeugen oder Waffen auch immer malträtieren. Wenn man zynisch sein will: Sabrina Mendel hat Glück gehabt. 147 Frauen starben im Jahr 2017 als Opfer häuslicher Gewalt.

Das ist erschütternd – aber offenbar sind diese Zahlen, die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey vor wenigen Tagen „unvorstellbar“ nannte, für die Gesellschaft kein wirklich großes Thema. Dass Mitmenschen durch Verbrechen ihr seelisches Gleichgewicht, ihre körperliche Gesundheit oder gar ihr Leben verlieren, wird zwar mit Bedauern zur Kenntnis genommen, aber im Grunde als notwendiges Übel akzeptiert – etwa so wie die Tatsache, dass ja auch Krankheiten und Verkehrsunfälle Tag für Tag ihre Opfer fordern.

„Erosion des Vertrauens“ der Deutschen in den Staat

Seit einiger Zeit allerdings funktionieren das Achselzucken und Wegsehen nicht mehr so recht. Die Angst vor Kriminalität, das bestätigen sämtliche Umfragen, wächst in großen Teilen der Bevölkerung. Renate Köcher, die Chefin des renommierten Allensbach-Instituts am Bodensee, das regelmäßig die Befindlichkeit der Deutschen analysiert, warnt vor einer „Erosion des Vertrauens“ der Deutschen in den Staat und erkennt ein kontinuierliches Wachsen des „Bedrohtheitsgefühls der Bürger“.

Auch wenn dieses sich nicht allein auf die Angst vor Kriminalität zurückführen lässt, so quält doch die Furcht, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, immer mehr Menschen. Der Hinweis, dass die Zahl der Straftaten (auch der schweren Straftaten) deutlich sinkt, beruhigt viele Deutsche offenbar kaum. Sie fühlen sich – auf eine vage oder auf eine sehr konkrete Weise – in Gefahr.

Unternimmt die Bundesregierung Ihrer Meinung nach genug, um die Innere Sicherheit in Deutschland zu gewährleisten?

 
 

Wie sicher lebt es sich in Deutschland? Einfache Antwort: sehr sicher. Deutschland zählt weltweit zu den sichersten Nationen. Im aktuellen Ranking des australischen Institute for Economics and Peace liegt die Bundesrepublik im Vergleich mit 163 Nationen auf Platz 17 (die USA auf Platz 121).

Einfache Antworten reichen aber offenbar nicht aus. Die „gefühlte“ Sicherheit oder Unsicherheit orientiert sich eben nur zum Teil an polizeilichen Statistiken und Analysen.

Aus diesem Grund hat der Kölner Sozialwissenschaftler und Regionalforscher Wolfgang Steinle für seine große Studie zur „inneren Sicherheit“ der deutschen Regionen auch mehr Werte als die reinen Verbrechenszahlen der Republik herangezogen. Im Auftrag von FOCUS verglich er die Sicherheit sämtlicher Landkreise und kreisfreien Städte. In die Bewertung der insgesamt 401 Regionen flossen neben den Polizeistatistiken auch Zahlen zur Verkehrssicherheit ein.

Die Verbrechensrisiken der Regionen

Den Forscher interessierte außerdem die wirtschaftliche Sicherheit und eine Beurteilung der gesellschaftlichen Konflikte in den Regionen. Aus insgesamt 20 Indikatoren gewann Steinle vier Kategorien für das Regionen-Ranking. Neben „klassischen“ Straftaten rückten auf diese Weise auch eher „harmlose“ Regelverstöße wie Graffiti-Sprühen und Schwarzfahren ins Bild. Mag sein, so Steinle zu FOCUS, dass viele Menschen das Bemalen von Häusern als Kunst betrachten. Für andere sei es das „Verschandeln des öffentlichen Raums oder eine Beschädigung von Privateigentum“.

Das Ergebnis der Studie

Die Studie listet sämtliche Landkreise und kreisfreien Städte nach ihrem Risiko auf. Das macht Sozialwissenschaftler Wolfgang Steinle anhand von vier Kriterien: Psychische und physische Gewalt, wirtschaftliche Sicherheit, Sicherheit im Straßenverkehr und gesellschaftlicher Dissens.

Das sind die fünf fünf sichersten Regionen:

  1. Neumarkt in der Oberpfalz
  2. Amberg-Sulzbach
  3. Alb-Donau-Kreis
  4. Bamberg (Lkr.)
  5. Schweinfurt (Lkr.)

 

Das sind die fünf unsichersten Regionen:

  1. Neumünster
  2. Köln
  3. Lübeck
  4. Osnabrück
  5. Bremerhafen

Dass kleine, zunächst unscheinbare Delikte durchaus eine Bedeutung haben, ist in der kriminologischen Forschung inzwischen unstrittig. Notorisch abweichendes, „deviantes“ Verhalten bei einem Jugendlichen (Schwarzfahren, Schulschwänzen, Drohungen) ist oft die erste Stufe einer späteren „delinquenten“, also wirklich verbrecherischen Karriere.

Der digitale Kommissar ist im Einsatz

Die Vermutung, dass die Häufigkeit kleinerer Normabweichungen auch etwas über die Sicherheit eines Ortes aussagt, liegt nahe. Tatsächlich nutzen Sicherheitsbehörden in den USA, aber auch in Europa derartige Daten, um per Software Vorhersagen über Verbrechen in bestimmten Regionen zu machen. In Düsseldorf etwa heißt der digitale Kommissar „Skala“ – System zur Kriminalitätsauswertung und Lageantizipation. Joachim Eschemann, Referatsleiter im nordrhein-westfälischen Innenministerium, lässt Skala mit allen möglichen „weichen“ Daten zu bestimmten großstädtischen Regionen in NRW füttern: die Kaufkraft und soziale Struktur der Bevölkerung, die Verkehrsanbindungen, die Gebäudestruktur.

Mit diesen Informationen berechnet die Software das Verbrechensrisiko in den jeweiligen Bezirken. Drei Jahre lang lief Skala im Testbetrieb, seit Oktober liefert es echte Kriminalprognosen. Die Sicherheitsbehörden, so Eschemann, könnten daraus ableiten, wie sich die „Lage in den einzelnen Wohnbezirken“ entwickle. Entsprechend den Skala-Hinweisen fährt die Polizei in den NRW-Metropolen verstärkt Streife – insbesondere, um möglicherweise geplante Einbruchsdelikte zu verhindern. Noch ist es zu früh für harte Erfolgsmeldungen. Auch könne Skala im Gegensatz zu ähnlichen Systemen in den USA keine Aussagen zu einzelnen Verbrechensarten machen, da es keine personenbezogenen Daten benutze. Der Einsatz von Big Data aber, das ist jetzt schon abzusehen, wird den Kampf gegen das Verbrechen grundlegend verändern.

Dass der Kriminal-Algorithmus womöglich ein Hilfsmittel sein kann, das in falsche Hände gelangen könne und als Werkzeug der totalen Überwachung zu missbrauchen sei, will Eschemann nicht abstreiten: „Theoretisch können Sie jedes System missbrauchen.“

Bahnhöfe gelten als No-go-Areas

Mehr Polizeipräsenz jedenfalls ist eine zentrale Forderung vieler Bürger, die sich in ihren Städten nicht mehr sicher fühlen. Mehrere Terroranschläge in europäischen Metropolen – und schließlich auch das Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin – haben die Verletzlichkeit der urbanen Zentren vor Augen geführt. Die Ausschreitungen um den Kölner Dom während der Silvesternacht 2015, als junge Männer aus Nordafrika Hunderte Frauen bedrängten und etliche auf dem Platz vergewaltigten, erschütterten das Vertrauen in den Staat womöglich noch schwerer und ließen den Verdacht aufkommen, die Polizei sei womöglich gar nicht mehr in der Lage, die Sicherheit an allen Orten und zu jeder Zeit zu gewährleisten.

Wie tief die Zweifel nach den Kölner Ereignissen bei vielen Bürgern sitzen, belegen Umfragen in mehreren deutschen Städten. Die Umgebungen der Hauptbahnhöfe gelten inzwischen als gefährliche Zonen. Beispiel: Frankfurt am Main. Die Bewohner der hessischen Metropole geben seit Jahren in Umfragen Auskunft über ihr Sicherheitsgefühl. Nach 2015 sagt immerhin jeder vierte Frankfurter Bürger, er meide die Gegend um den Hauptbahnhof. Er fühle sich dort extrem bedroht.

Sind diese Menschen hysterisch? Wohl kaum, Bahnhöfe haben sich in den vergangenen Jahren tatsächlich in höchst prekäre Zonen verwandelt. In München etwa nahm die Kriminalität rund um den Hauptbahnhof in den vergangenen Jahren deutlich zu – so deutlich, dass die Stadt schließlich ein nächtliches Alkoholverbot aussprach. Die Zahl der Gewaltdelikte (Raub, Körperverletzung) ging seither zurück. Mühsam versuchen die Behörden, den Münchner Hauptbahnhof zurückzuerobern. Die Polizei zeigt dort quasi Dauerpräsenz – und die Stadt erwägt, das Alkoholverbot auf den ganzen Tag auszuweiten.

Einsatz der Polizei hat auch eine politische Dimension

Polizei ist immer auch ein Politikum. Seit jeher gilt etwa in Berlin für Ordnungshüter das Gesetz der Zurückhaltung. Während in anderen Bundesländern (etwa in Bayern) die Polizei auch auf der Straße ist, um Präsenz zu zeigen, ist sie in Berlin quasi unsichtbar. Sie kommt im Notfall – sonst nicht. Womöglich hat genau diese durchaus gewollte Scheu der Uniformierten dazu geführt, dass in Berlin ganze Straßenzüge als Gebiete gelten, in die sich die Polizei nicht mehr trauen würde.

Der fatale Effekt: Die Bürger fühlen sich in diesen Stadtteilen alleingelassen – und vor etwaigen Übergriffen nicht mehr geschützt. Täuscht dieses Gefühl? Berlin ist wohl nicht ohne Grund die Hauptstadt krimineller Clans, die ihren mafiösen Geschäften, so schien es zumindest, über Jahre quasi ungestört nachgehen konnten. Die Justiz ermittelte zwar gegen die Gangs – wirklichen Ärger aber machten sich die Spree-Paten allenfalls gegenseitig. Erst als die Clan-Kriege eskalierten, griff auch die Polizei massiv ein.

Clans auf Raubzug

Opfer eines Clans wurde vor zwei Jahren Wieland Baltus. Der damals 72-Jährige suchte per Internet einen Mann als Partner. Irgendwann waren zwei junge Männer in seiner Wohnung, die sich als Freunde ausgaben und nach einem belanglosen Gespräch auch wieder gehen sollten. Doch sie blieben. Als einer der beiden Baltus aufforderte, er solle den Safe im Schlafzimmer öffnen, war es zu spät. Ein Mann fiel über ihn her, warf ihn zu Boden, würgte ihn und drückte ihm ein Kissen aufs Gesicht. Als Baltus sich wehrte, erhielt er einen Tritt auf den Kopf. Auch drohte man, ihn mit einem Küchenmesser zu töten. Die Gangster verschwanden mit Laptop, Handy und einigen Geldscheinen als Beute. Einer der beiden aber hatte einen Zigarettenstummel in einem Blumentopf ausgedrückt und zurückgelassen.

Die DNA-Spur führte zu den Tätern. Die beiden gehörten zu einer Bande von etwa 80 Männern vom Balkan, die ein Haus in Leipzig als Hauptquartier für ihre Raubzüge in ganz Deutschland nutzten. Wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung wurden die beiden Täter zu Haftstrafen von viereinhalb Jahren verurteilt.

Das Opfer verzichtete damals auf jeglichen psychologischen Beistand. Baltus: „Ich habe schon einiges erlebt. Ich wollte einfach selbst damit fertigwerden.“ Tatsächlich fand der ältere Mann, früher in Brüssel ein erfolgreicher Politiker, zurück in ein normales Leben.

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Bis das Schicksal ihn im März des vergangenen Jahres noch einmal auf eine furchtbare Probe stellte. Damals lebte er seit Monaten mit einem jüngeren Mann zusammen. Als es dann doch zur Trennung kam, lockte ihn der Freund in den Keller seines Hauses und attackierte ihn mit einer dort heimlich deponierten Eisenstange. Immer wieder prügelte der Attentäter auf den Kopf von Baltus, bis dieser schwer blutend zusammenbrach. Als der Täter davon ausging, sein Opfer sei tot, ließ er von ihm ab und flüchtete zunächst. Baltus aber konnte sich „halb ohnmächtig“ in seine Wohnung schleppen und Hilfe rufen.

Zufallsopfer eines Messerattentäters

Sein Peiniger wurde inzwischen wegen versuchten Mordes zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Die beiden schweren Verbrechen haben Baltus’ Seele nicht zerbrochen. Zwar reagierte er eine Zeit lang Fremden gegenüber „eher misstrauisch“, ansonsten aber führt er das Leben eines ziemlich aktiven Rentners in einer kleinen bayerischen Stadt in der Nähe des Chiemsees. Dass jener Mann, der ihn umbringen wollte, irgendwann, wenn auch in ferner Zukunft, wieder in Freiheit sein wird, bereite ihm allerdings schon „einige Sorgen“.

Davor muss sich Martin Jobst jedenfalls nicht fürchten. Der 49-jährige Elektrotechniker gehörte im vergangenen Oktober zu jenen acht Menschen, die in München von einem wahnkranken Mann, der glaubte, sich mit einem Messer vor einer Verschwörung retten zu müssen, verletzt wurden. Jobst ging an jenem Tag gerade an einem Autohaus vorbei, als ein Passant, der ein Fahrrad schob, ihm entgegenkam.

Es half, den Täter zu begreifen

Bei ihm angelangt, ließ der Unbekannte das Fahrrad fallen und schwang plötzlich einen Arm auf den Kopf von Jobst. Der spürte einen Schlag, glaubte zunächst an ein Versehen, drehte sich dem Passanten zu und erkannte dann das Messer in dessen Hand. Der Angreifer schien zu einem zweiten Schlag auszuholen. Jobst rannte los und rettete sich in die nahe Werkstatt des Betriebs. Die Polizei fasste den Attentäter, so wie die anderen Opfer war Jobst „nur“ leicht verletzt. Der Schnitt am Hinterkopf aber, nur wenige Zentimeter versetzt, hätte sein Rückenmark treffen können. Das Gericht erklärte den Attentäter für schuldunfähig und wies ihn in eine psychiatrische Anstalt ein. Wahrscheinlich für immer.

Jobst war als Nebenkläger im Prozess dabei. Nicht weil er auf Reue, Einsicht oder gar Schmerzensgeld hoffte. Es ging ihm einzig darum, die seelische Krankheit des Täters zu verstehen. Er habe den Fall „einfach begreifen“ wollen.

Die Verhandlung habe ihm dabei sehr geholfen. Es habe auch gutgetan, mit Bekannten und Freunden immer wieder über das Erlebte zu sprechen. Heute, so Jobst, könne er sagen, er habe sein seelisches Gleichgewicht nicht verloren. Eine „erhöhte Vorsicht“ aber beobachte er hin und wieder bei sich selbst. Wenn ihm draußen eine merkwürdige Person entgegenkomme, wechsle er die Straßenseite.

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Neue Vorschriften für Asylwerber - Dänemark will straffällige oder abgelehnte Ausländer auf Insel schicken

Neue Vorschriften für Asylwerber: Dänemark will straffällige oder abgelehnte Ausländer auf Insel schicken

Dänemark will die Vorschriften für Asylbewerber verschärfen. Die Mitte-Rechts-Regierung und Dänische Volkspartei einigten sich am Freitag unter anderem darauf, straffällige oder abgelehnte Ausländer, die das Land verlassen müssen, zukünftig auf einer Insel unterzubringen.

Auf der Insel Lindholm soll ein Zentrum entstehen, in dem die Menschen ab 2021 untergebracht werden. "Das ist kein Gefängnis, aber man muss nachts dort sein", sagte Finanzminister Kristian Jensen.

Das sieben Hektar große Eiland liegt in der Ostsee und ist bisher unbewohnt. Das Veterinärinstitut der Technischen Universität betreibt auf der Insel derzeit Virusforschung. Laut der "Bild"-Zeitung soll dort auch an Tierseuchen, wie Tollwut oder Schweinepest geforscht werden. Die Wissenschaftler sollen die Insel im kommenden Jahr verlassen.

Obergrenze für Familienzusammenführungen

Darüber hinaus einigte sich die Regierung und die Volkspartei auf eine Obergrenze für Familienzusammenführungen. Peter Skaarup, Fraktionsvorsitzender der Dänischen Volkspartei, sagte: "Jetzt sagen wir den Menschen vom ersten Tag an, dass sie nicht für den Rest ihres Lebens in Dänemark bleiben können. Sie bekommen nur vorübergehend eine Unterkunft, bis sie nach Hause zurückkehren können."

Die Regierung und die Dänische Volkspartei trafen eine Haushaltsvereinbarung für 2019, in der auch die strengeren Vorschriften für abgelehnte Asylbewerber enthalten sind.

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vivi/mit Material der dpa
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G20-Gipfel im News-Ticker - Saudi-Arabiens Kronprinz trifft bei G20-Gipfel auf ausgestreckte Hände

G20-Gipfel im News-Ticker: Saudi-Arabiens Kronprinz trifft bei G20-Gipfel auf ausgestreckte Hände

Der G20-Gipfel in Buenos Aires naht: Erstmals treffen sich die Staats- und Regierungschefs der großen Industrie- und Schwellenländer in Südamerika. Angela Merkel verspätet sich: Das Regierungsflugzeug musste in Köln notlanden. Die Entwicklungen im News-Ticker von FOCUS Online.

  • Der G20-Gipfel findet am Freitag und Samstag statt
  • Der Ukraine-Konflikt wirft seine Schatten auf das Treffen in Argentinien
  • Unklar ist, ob sich die G20 auf eine Handelserklärung einigen können - auch wegen des Handelsstreits zwischen USA und China

Kritische Begrüßung durch Macron für den Saudi-Prinzen

09.51 Uhr: Freundlicher Empfang für Saudi-Arabiens Thronfolger Mohammed bin Salman beim G20-Gipfel: Knapp zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod des saudiarabischen Journalisten Jamal Khashoggi haben die Staats- und Regierungschefs den Kronprinzen in Buenos Aires auf der internationalen Bühne begrüßt. Trotz der Vorwürfe gegen den 33-Jährigen im Fall Khashoggi und der Kritik an der Rolle Riads im Jemen-Krieg wirkte er alles andere als isoliert.

Kritisch war jedoch die Begrüßung von "MBS" durch Macron. Frankreichs Präsident sprach den Thronfolger laut Elysée-Palast auf den Fall Khashoggi und die von Saudi-Arabien angeführte Militäroffensive im Jemen an. Der französische Präsident verlangte demnach, internationale Experten in die Ermittlungen zum gewaltsamen Tod von Khashoggi einzubeziehen, und betonte die Notwendigkeit einer "politischen Lösung" im Bürgerkriegsland Jemen.

In einem von Mikrofonen aufgenommenen Wortwechsel der beiden ist zu hören, wie Prinz Mohammed zu Macron auf Englisch "keine Sorge" sagt. Macron antwortet darauf: "Ich bin besorgt." Unklar war jedoch, worauf sich diese Äußerungen bezogen.

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- Suche nach NS-Verbrechern: "Uns läuft die Zeit davon"

Suche nach NS-Verbrechern: "Uns läuft die Zeit davon"
Seit 60 Jahren spürt die Zentrale Stelle in Ludwigsburg mutmaßliche Verbrecher des Nationalsozialismus auf. Übrig geblieben sind die kleinen Lichter. Trotzdem lohnt sich die Arbeit noch, findet Chefaufklärer Jens Rommel.

Deutsche Welle: Der Zweite Weltkrieg ist vor 73 Jahren zu Ende gegangen. Dementsprechend hoch ist das Alter mutmaßlicher Täter. Wie viel Arbeit haben Sie noch?

Jens Rommel: Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg hat derzeit so viel Arbeit wie seit vielen Jahren nicht mehr. Es ist so, dass sich der Ansatz der Rechtsprechung geändert hat, zuletzt in dem Verfahren gegen Oskar Gröning, den sogenannten Buchhalter von Auschwitz. Wir können heute Personen schon dann verfolgen, wenn sie durch ihre allgemeine Dienstausübung zum Beispiel in einem Lager die Vernichtungsmaschinerie am Laufen gehalten haben. (Zuvor galt der Grundsatz, dass eine unmittelbare Tatbeteiligung nachgewiesen werden musste, Anm. d. Red.) Durch diesen weiten Ansatz kommen theoretisch sehr viele Personen in Betracht. Leider müssen wir in fast allen Fällen feststellen, dass die Person nicht mehr am Leben oder nicht mehr verhandlungsfähig ist.

Wie viele mutmaßliche Verbrecher finden Sie noch?

Die Zentrale Stelle hat in den letzten Jahren im Schnitt knapp 30 Verfahren pro Jahr an die Staatsanwaltschaften abgegeben. Das sind Verfahren, bei denen wir den Verdacht eines Mordes oder einer Beteiligung an einem Mord beschreiben können und bei dem der Beschuldigte noch lebt. Ob jemand noch verhandlungsfähig ist, sich also vor Gericht verteidigen könnte, muss die Staatsanwaltschaft überprüfen.

Die Zeit spielt sozusagen gegen Sie. Frustriert Sie das?

Es ist tatsächlich eine paradoxe Situation. Eigentlich sollte es nach 70 Jahren bei den Ermittlungen auf einen einzelnen Tag nicht mehr ankommen. Und trotzdem läuft uns die Zeit davon. Für meine Kollegen und mich ist das manchmal frustrierend zu sehen, in wie vielen Fällen wir heute nicht mehr ermitteln können, weil die Person nicht mehr am Leben ist, aber man vor einigen Jahren vielleicht noch eine Chance gehabt hätte, oder wenn man besonders viel Arbeit in einen Fall gesteckt hat, dieser dann nicht mehr zu Gericht kommt, weil sich herausstellt, dass der Beschuldigte nicht mehr verhandlungsfähig ist. Wir motivieren uns aber nicht mit der Zahl der Fälle, die wir noch aufklären können, sondern wir glauben auch, dass das Bemühen an sich eine sinnvolle Reaktion auf diese staatlichen Massenverbrechen ist.

Wäre der mögliche Täterkreis schon früher erweitert worden, hätten vermutlich mehr Menschen zur Rechenschaft gezogen werden können. Sehen Sie dabei die Justiz in der Verantwortung, dass sich die Rechtsauffassung erst so spät geändert hat?

Ich finde es schwierig, pauschal ganze Generationen von Juristen oder die Justiz als Institution einfach an den Pranger zu stellen. Letztlich muss die Justiz als Teil der Gesellschaft in jeder Generation ihre Antwort auf die Fragen finden, mit denen uns diese staatlichen Massenverbrechen konfrontieren.

Es stimmt aber: Wenn der weite Ansatz richtig ist, sind sehr viele Personen davongekommen, die es viel mehr verdient hätten vor Gericht gestellt zu werden als die Personen, die wir jetzt noch verfolgen können. Es leben nur noch die, die damals die Jüngsten waren und in der Rangfolge weit unten standen.

Die Zentrale Stelle gibt es seit 60 Jahren. Gerade in den Anfangsjahren wurde sie teils als Nestbeschmutzer angefeindet. Später gab es die gegenteilige Kritik, dass die Stelle nicht genug tun würde. Sie selbst sind seit drei Jahren an der Spitze. Wie fällt rückblickend Ihr Fazit über die Arbeit Ihrer Behörde aus?

Die Bilanz fällt gemischt aus. Sie haben die Schwierigkeiten schon angesprochen, die mit dem juristischen Handwerkszeug aber natürlich auch mit der Gesellschaft zusammenhängen. In den fünfziger und sechziger Jahren ging es mehr um die Integration von schuldigen Personen als um eine umfassende Aufarbeitung. Bedrückend kann einen stimmen, dass nach 60 Jahren Zentraler Stelle immer noch nicht alles aufgeklärt ist und schon gar nicht alle Personen zur Verantwortung gezogen werden konnten. Ermutigend finde ich, dass erst aufrechte Demokraten, dann die Justiz nach und nach und schließlich auch die Gesellschaft sich dieser Verbrechen angenommen haben und sich dieser Aufgabe bis heute stellen.

Kann überhaupt jemals alles aufgeklärt werden?

Die Zentrale Stelle kann genau wie Staatsanwaltschaften und Gerichte nur solange arbeiten, wie noch Beschuldigte am Leben und verhandlungsfähig sind. Wir haben keinen umfassenden historischen Auftrag, die Verbrechen aufzuklären. Und ich bin mir sicher, dass es uns in den verbleibenden Jahren nicht gelingt, alles mit juristischen Mitteln aufzuarbeiten.

Erlebt die Stelle Ihrer Meinung nach noch ihren 70. Jahrestag?

Die Beschuldigten sind derzeit zwischen 91 und 99 Jahre alt. Jedes Jahr fällt uns sozusagen ein Jahrgang weg, den wir noch verfolgen können. Ich habe keine Kristallkugel und denke, dass wir noch einige Jahre hier sinnvoll Vorermittlungen vorbereiten können. Wann aber genau die Stelle in einen Forschungs- und Informationsort umgewandelt wird, das haben letztlich die Justizminister politisch zu entscheiden, die die Zentrale Stelle tragen.

Oberstaatsanwalt Jens Rommel leitet seit 2015 die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Nach Vorermittlungen leitet die Stelle die aufgearbeiteten Fällen an die entsprechenden Staatsanwaltschaften weiter. Sie arbeitet seit dem 1. Dezember 1958.

Das Interview führte Uta Steinwehr

*Der Beitrag "Suche nach NS-Verbrechern: "Uns läuft die Zeit davon"" stammt von Deutsche Welle. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.

Deutsche Welle
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Ehemaliger US-Präsident - Brief des verstorbenen George H. W. Bush an Nachfolger Clinton zeigt seine Größe

Ehemaliger US-Präsident: Brief des verstorbenen George H. W. Bush an Nachfolger Clinton zeigt seine Größe
Ex-US-Präsident George Bush ist gestorben. Die USA trauert – und erinnert sich an einen respektvollen Staatsmann.

Der frühere US-Präsident George H. W. Bush ist tot. Er starb im Alter von 94 Jahren, wie ein Sprecher der Familie in der Nacht auf Samstag via Twitter mitteilte.

Der Republikaner war von 1981 bis 1989 Vizepräsident unter Ronald Reagan und anschließend vier Jahre lang Regierungschef in Washington. Sein Sohn George W. Bush war von 2001 bis 2009 Präsident.

In den USA hat Bushs Tod eine Welle der Respektsbekundungen losgetreten.

Bush schrieb Brief an Clinton

Dabei geht auch ein alter Brief des Republikaners durch die sozialen Medien. Bush hatte seine Wiederwahl im Jahre 1993 gegen den Demokraten Bill Clinton verloren – und diesem im Weißen Haus ein Schreiben hinterlassen.

 
 

Darin gab Bush seinem Nachfolger die besten Wünsche mit auf den Weg, statt Verbitterung über seine Niederlage zu zeigen.

Bush schrieb: “Als ich gerade in dieses Büro gekommen bin, habe ich das selbe Gefühl von Respekt gespürt, das ich vor vier Jahren spürte. Ich weiß, dass Sie es auch fühlen werden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie glücklich sind.”

Er selbst habe im Weißen Haus nie die Einsamkeit gespürt, über die viele Präsidenten vor ihm gesprochen hätten.

Bush riet Clinton weiter: “Es werden sehr harte Zeiten kommen, die noch schwieriger dadurch werden, dass Sie Kritik bekommen, die Sie nicht fair finden. (...) Lassen Sie sich von dieser Kritik nicht vom Weg abbringen!”

Bush beendet seinen Brief mit einer rührenden Botschaft: “Sie werden unser Präsident sein, wenn Sie diesen Brief lesen. Ich wünsche Ihnen alles Gute. ich wünsche Ihrer Familie alles Gute. Ihr Erfolg ist jetzt der Erfolg unseres Landes. Ich glaube an Sie. Viel Glück.”

Trump würdigt verstorbenen Präsidenten

Auch US-Präsident Donald Trump würdigte Bush am Samstag.

Durch seine Authentizität, seinen Witz und sein unerschütterliches Bekenntnis an Glaube, Familie und das Land habe er Generationen von Amerikanern zum öffentlichen Dienst inspiriert, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses.

Bush habe immer einen Weg gefunden, die Messlatte höher zu setzen. “Mit einem zuverlässigen Urteilsvermögen, gesundem Menschenverstand und einer unerschütterlichen Führung brachte Präsident Bush unsere Nation und die Welt zu einem friedlichen und siegreichen Abschluss des Kalten Krieges”, hieß es weiter.

Bush habe die Grundlagen für einen jahrzehntelangen Wohlstand geschaffen. Bei allem, was er vollbracht habe, sei er stets demütig geblieben.

(ame)

Dieser Artikel wurde verfasst von HuffPost / lp

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8. Regionalkonferenz - der Kandidatencheck - Rennen um CDU-Parteivorsitz: Zum Abschluss huldigen Merz und AKK der Kanzlerin

8. Regionalkonferenz - der Kandidatencheck: Rennen um CDU-Parteivorsitz: Zum Abschluss huldigen Merz und AKK der Kanzlerin

Acht Regionalkonferenzen in zwei Wochen quer durch Deutschland liegen hinter den drei Top-Kandidaten Merz, Kramp-Karrenbauer und Spahn. FOCUS Online hat das Trio auf allen Stationen begleitet und zeigt den finalen Kandidatencheck im Überblick. Am 7. Dezember wählen 1001 Delegiert auf dem Parteitag in Hamburg dann die neue Parteispitze.

Lübeck, Idar-Oberstein, Seebach, Halle, Böblingen, Düsseldorf, Bremen und zum Abschluss nun Berlin: Mehrere Tausend Gäste sind in den letzten zwei Wochen zu acht Regionalkonferenzen der CDU gepilgert, um den ersten Wettstreit um das höchste Parteiamt, bei dem mehr als zwei Kandidaten antreten, hautnah mitzuerleben. Weit über 200.000 verfolgten zudem im Internet per Livestream, um herauszufinden, wer sich von Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am besten schlägt.

Lob statt Kritik an der scheidenden Parteichefin

Auffälligster Unterschied der letzten Etappe in der Bundeshauptstadt: Hatten alle Kandidaten noch am vorletzten Etappenziel in Bremen zwar indirekt, aber spürbar Distanz zu einigen Kernelementen von Angela Merkels Politik genommen, die der CDU 18 Jahre lang vorstand, gab es am letzten Tag Lob für die Kanzlerin.

Regionalkonferenzen der CDU

Die CDU wird bis zur Wahl des oder der neuen Parteivorsitzenden insgesamt acht Regionalkonferenzen abhalten, auf denen die drei Kandidaten sind der Parteibasis präsentieren. Jeder Kandidat hat zunächst zehn Minuten Zeit, sich selbst vorzustellen - über die Reihenfolge entscheidet ein Losverfahren. Dann kann das Publikum Fragen an das Trio stellen. Insgesamt dauert jede Veranstaltung drei Stunden und deckt die Basis in mehreren Bundesländern ab. Am 7. Dezember wählen dann rund 1000 Delegierte die Nachfolge von Merkel. Die Kanzlerin selbst hatte dieses Format im Jahr 2000 eingeführt, als sie selbst noch Generalsekretärin war.

 

Merz redet erstmals überschwänglich über Merkel

Besonders auffallend war dies bei Friedrich Merz, dem ein zerrüttetes Verhältnis zu Merkel nachgesagt wird, seit sie ihm 2002 als Generalsekretärin den Fraktionsvorsitz im Bundestag wegschnappte. In seinem Vorstellungsdiskurs erinnerte er überschwänglich daran, wie Merkel 2014 bei der Münchner Sicherheitskonferenz alle 28 EU-Staaten hinter sich brachte und die Amerikaner überzeugte, dass die von ihren geforderten Waffenlieferungen an die Ukraine der falsche Weg sei, den Konflikt mit Russland beizulegen. Die Bundeskanzlerin habe so eindrucksvoll bewiesen, welche Kraft in Deutschland stecke, was die Führungskraft in der EU untermauert habe.

AKK verwendet immer wieder Merkels berühmtesten Satz

Auch Annegret Kramp-Karrenbauer verwendete mehrfach in ihrer Rede die Worte „Wir schaffen das“, Merkels selbst von Teilen der CDU kritisierte Schlüsselworte für die Lösung Flüchtlingskrise, nachdem Merz noch am Vortag gesagt hatte, falls er Parteichef würde, werde er bei der Integration klären, was zu schaffen sei. Zur Realisierbarkeit der hochgesteckten Ziele einer Erneuerung der CDU sagt sie: „Ja, wir schaffen das, wenn wir das ‚C‘ als unseren Kompass halten. Wir schaffen das, wenn wir das ‚D‘ ernst nehmen und um Themen ringen und nicht nur dem kleinsten Nenner. Und wir schaffen das, wenn wir das ‚U‘ ernstnehmen und das für uns bedeutet: diese Union muss zusammenstehen.“ Dies bedeute auch, dass die zwei Kandidaten, die am 7. Dezember nicht gewählt würden, der Partei erhalten blieben und weiter machten.

Doch wie haben sich die Kandidaten über die zwei Wochen geschlagen, wo waren sie besonders gut oder nicht, und wie kamen sie beim Publikum an?

Jens Spahn

Thematische Schwerpunkte

Immer wieder kam der Bundesgesundheitsminister auf sein Lieblingsthema Hartz IV zurück und forderte, dass sich an dem Prinzip „fördern und fordern“ nichts ändern dürfe. „Es muss einen Unterschied machen, ob einer früh oder spät aufsteht.“ Der 38-Jährige fordert zudem eine kontroversere, lebhaftere Debattenkultur in der Partei, die sich stärker auch mit unbequemen Themen auseinandersetzen müsse. Dass über den UN-Migrationspakt selbst nach dem positiven Votum der GroKo-Fraktionen nun trotzdem noch mal auf dem CDU-Parteitag abgestimmt werden soll, ist ihm zu verdanken. Spahn unterstützt den Pakt. Und neben einer mit mehr Spaß und Neugier vorangetrieben Digitalisierung würde er als neuer Parteivorsitzender dafür sorgen, „die AfD überflüssig zu machen“, indem der nicht radikale Teil ihrer Wähler wieder zur CDU zurückholt. Genauso wie einen guten Teil „grüner Wähler“, deren Partei er vorwirft, in der Flüchtlings- und Energiepolitik nicht kohärent mit sich selbst zu sein.

Persönliches Auftreten

Spahn startete als klarer Außenseiter in die Kandidatur, überrascht durch jene von Friedrich Merz, der wie er zum konservativen Flügel zählt und allein deswegen sofort sein ärgster Konkurrent wurde. Bei den ersten drei, vier Konferenzen wirkte er noch gelegentlich unsicher und versuchte, das mit einem guten Dutzend rhetorischer Standardgags zu kompensieren. Das Publikum nahm dies dankbar an, nahm Spahn aber zunächst auch nicht so ernst. Doch seine frische und unkonventionelle Art kommt an.

Fazit

Spahn hat von allen drei Bewerbern die größte Lern- und Verbesserungskurve in den zwei Wochen hingelegt. Neben der jüngeren Generation, für die er steht, konnte er vor allem bei Frauen viel an Sympathie hinzugewinnen, die vorher auf Merz und „AKK“ fixiert waren. Seine Applauskurve erreichte ihre Höchstwerte bei den letzten drei Konferenzen, bei denen sie mit den anderen vergleichbar war. Doch seine Platzierung als Nummer drei, da sind sich viele sicher, wird er am 7. Dezember bei der Wahl nicht ändern können. Noch nicht.

Annegret Kramp-Karrenbauer

Thematische Schwerpunkte

Wie ein roter Faden zog sich durch ihre Beiträge das Versprechen, die Entscheidungsfindung in der CDU künftig umzukehren: zuerst die Partei, dann die Fraktion, dann die Regierung. Also genau das Gegenteil von dem, was Merkel während der 13 Jahre ihrer Kanzlerschaft als gleichzeitige Parteichefin vorgelebt hat. AKK ist diejenige, die die christlichen Werte der Familie von allen dreien am höchsten hält. „Zu einer Familie zählt mehr als sich nur einen Kühlschrank zu teilen und WLAN.“ Immer wieder unterstrich sie bei ihren Reden zudem, dass viele in der CDU nun wieder von Werten um 40 Prozent träumten, sie im Gegensatz zu den beiden männlichen Mitbewerbern aber wisse, „wie gut sich das anfühlt“ – in Anspielung auf ihren jüngsten Wahlsieg im Saarland vom März 2017.

Persönliches Auftreten

Das ständige Hinweisen auf ihre Erfahrung in Regierungsämtern und als Wahlkämpferin wirkte manchmal etwas exzessiv. Doch beide Bereiche stellte sie souverän unter Beweis. Sie war auch diejenige, die ihre Reden am stärksten auf die jeweilige Zuhörerschaft zuschnitt und sich weniger wiederholte, ein klares Zeichen von professioneller Flexibilität. Sie ist extrem themensicher auf großer Bandbreite.

Fazit: AKK konnte die Regionalkonferenzen vor größerem Publikum nutzen, ihren manchmal etwas drögen Eindruck zu zerstreuen. Sie gilt als Merkel-Vertraute, denn die scheidende Parteichefin selbst war es, die sie überzeugte, im Februar das erfolgreich bekleidete Amt der saarländischen Ministerpräsidentin aufzugeben, um sich von Merkel als ihre Wunschnachfolgerin aufbauen zu lassen. Es gibt eine ganze Reihe von Christdemokraten, die das als ihr größtes Manko ansehen – AKK als „Merkel light“. Doch ihr Zuspruch in der Partei ist groß, viele, bei weitem nicht nur Frauen, halten sie für die besonnenere Wahl, der es besser gelingt, die unterschiedlichen Flügel der Partei zusammenzuhalten. Deswegen gilt sie als eine starke Anwärterin auf den Parteivorsitz. Doch während Spahn ihr kaum gefährlich werden kann, kann es der dritte im Bunde, der mehr Applaus erhielt als sie: Friedrich Merz.

Friedrich Merz

Thematische Schwerpunkte

Merz hat sich nach seinem Rückzug aus der Politik 2009 seinem zivilen Beruf als Wirtschaftsanwalt gewidmet – und sein Fachwissen in Steuer- und Wirtschaftsfragen, das ihn mittlerweile zum Millionär gemacht hat, nicht unter den Scheffel gestellt. Zu seinen wichtigsten Punkten zählen eine Steuerreform, die Durchsetzung des Gewaltmonopols durch den Staat und das Prinzip, dass Geld, dass der Staat ausgibt, vorher erst eingenommen werden muss. Er unterstreicht die Religionsfreiheit auch für den Islam, sagt aber, dass Migranten, die sich nicht an unsere Gesetze halten, konsequent ausgewiesen werden müssten. Wenn der Staat das nicht durchsetze, mache er sich doch „lächerlich“ vor seinem Volk. Immer wieder betonte er auch, dass die CDU das gesamte Spektrum der bürgerlichen Mitte abbilden müsse – wozu vor allem auch wieder der konservative Flügel zählen müsse.

Persönliches Auftreten

Selbstbewusstsein ist das letzte, woran es Merz mangelt. Er traue sich zu, die CDU als Parteivorsitzender wieder auf über 40 Prozent zu bringen und die AfD-Ergebnisse zu halbieren – ein Satz, der ihm stets sehr großen Jubel einbrachte. Merz redet langsam und bedächtig. Sein Stil kommt gut an im CDU-Volk. Viele sagen, aus dem alten „Hitzkopf“ sei ein erfahrener Politiker geworden, dem auch zehn Jahre Abwesenheit aus der aktiven Politik nichts anhaben konnten. AKK-Anhänger werfen ihm vor, er stelle seine Person zu sehr in den Vordergrund.

Fazit

Merz ist zweifellos derjenige Kandidat, der am meisten polarisiert. Und es gibt nicht wenige in der Partei, die das als „frischen Wind“ schätzen nach all den Jahren mit Angela Merkel. Die politische Debatte sei sediert und die Partei immer stärker außen vorgelassen. Niemand hat auf den acht Konferenzen euphorischeren Applaus bekommen. Auch die Jubel-Rufe gehen fast ausschließlich auf sein Konto. Doch sein Vorstoß auf der dritten Konferenz in Seebach mit einer Einschränkung des Grundrechts auf Asyl, kam selbst in der CDU nicht gut an. Und auch die Tatenlosigkeit, die er pauschal der gesamten CDU vorwarf, obwohl er selbst nichts für sie tat, nahm ihm so mancher übel. Es gilt als sicher, dass Merz mit AKK die Nachfolge von Angela Merkel unter sich ausmacht.

Umfrage: Welchem der bisher bestätigten Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz trauen Sie am ehesten zu, die Wahlergebnisse der CDU zu verbessern?

 
 
 

Gespannt auf den Tag nach der Wahl

Eine ganz andere Frage ist allerdings, wie die Delegierten am 7. Dezember abstimmen. Denn sie setzten sich aus der unteren und mittleren Funktionärsschicht auf kommunaler und Kreis-Ebene zusammen, die sich an die sicheren Jahre mit Merkel gewöhnt haben und Änderungen befürchten könnten, wenn Merz Merkel folgt. Das könnte sich zugunsten von Annegret Kramp-Karrenbauer auswirken.

Für die Saarländerin wäre eine Niederlage am 7. Dezember nach der Aufgabe der Saarbrücker Staatskanzlei eine doppelte, denn an dem Parteivorsitz hängt eine weitere Perspektive, die sie selbst im Blick zu haben gesteht, auch wenn die noch in der Ferne liegt. Denn Merkel will die Legislatur bis 2021 zu Ende regieren.

Merz könnte, wenn er verlöre, einfach wieder zurücktreten von seinen Ambitionen, anstatt in der zweiten Reihe, in der er schon mal saß, erneut Platz zu nehmen. Außerdem hat sie kein Mandat, und wichtige Ministerposten sind – zumindest jetzt – nicht zu haben. Da beide beteuerten, wie wichtig es nach der Wahl sei, gemeinsam weiterzumachen, darf der Beobachter auch auf die Zeit nach der Wahl gespannt sein.

Im Video: AKK, Spahn und Merz: Welcher Kandidat konnte die Mitglieder am meisten überzeugen?

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