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Saturday, March 30, 2019

Michel Müller hält Wutrede auf Koalitionspartner - Berliner OB vermisst bei Linken und Grünen "gesunden Menschenverstand"

Michel Müller hält Wutrede auf Koalitionspartner: Berliner OB vermisst bei Linken und Grünen "gesunden Menschenverstand"

SPD im Umfragetief, Rot-Rot-Grün im Stimmungstief: Mit ungewöhnlich scharfen Attacken hat Berlins Regierungs- und SPD- Chef Michael Müller seine Koalitionspartner vor den Kopf gestoßen. Auf einem Parteitag der Hauptstadt-SPD warf er Linke und Grünen am Samstag vor, ein Polizeigesetz mit mehr Videoüberwachung und den Ausbau der U-Bahn nun schon seit Monaten zu blockieren. Das werde Konsequenzen haben.

"So geht es nicht mehr weiter", sagte Müller. Linke und Grüne reagierten mit Kopfschütteln und Spott auf die Attacke.

"Seit Monaten geht es nicht voran, wird es blockiert", sagte Müller mit Blick auf das geplante neue Polizeigesetz in einer phasenweise wütenden Rede. "Ich habe jetzt im Senat ein Revanchefoul gemacht. Ich habe im Senat zwei Sachen der Grünen und der Linken blockiert. Es wird solange nicht beschlossen, bis wir zu einer vernünftigen Einigung bei Inneres und Sicherheit kommen."

"Wir brauchen einen echten Mobilitätsausbau"

Er wolle nicht auf Schritt und Tritt überwacht werden, sagte Müller. Aber wenn die Berliner sagten, es gebe 10 oder 15 Plätze, an denen sie Angst hätten, dann könnten einige Kameras dort helfen, Straftaten zu vermeiden. "Wenn eigentlich alle Leute mit gesundem Menschenverstand sagen: "dann macht's doch als Politik, macht's doch als Koalition, werdet doch als SPD sichtbar mit solchen Dingen", dann sage ich, richtig" so Müller. "Das muss auch unser Weg sein, dann müssen wir den Konflikt auch in der Koalition führen."

Müller, dem vor den Parteitagsdelegierten förmlich der Kragen platzte, sprach auch die Verkehrspolitik an. "Wir brauchen einen echten Mobilitätsausbau", sagte Müller. "Und es ist mit gesundem Menschenverstand überhaupt nicht zu erklären, dass Linke und Grüne einen U-Bahn-Ausbau blockieren, wo es nur um drei oder vier Stationen geht." Er könne nicht verstehen, dass dies aus ideologischen Gründen nicht möglich sei in einer Koalition.

Grünen-Fraktionschefin mahnte Müller und die SPD, zur Sachpolitik zurückzukehren

Linke und Grüne reagierten mit Kopfschütteln auf Müllers auf dem Parteitag bejubelte Attacke. "Hat euch jemand was in den Kaffee getan @spdberlin?", fragte Linke-Parteichefin Katina Schubert via Twitter. "Gestaltende soziale und ökologische Stadtpolitik durch Blockade? Glaubt ihr ernsthaft, damit irgendwas zu gewinnen?"

Grünen-Fraktionschefin Silke Gebel mahnte Müller und die SPD, zur Sachpolitik zurückzukehren. "Die Leute wollen keine Kopplungsgeschäfte und Revanchefouls, das sagt mir mein gesunder Menschenverstand", sagte Gebel. "Sachpolitik ist in der Koalition jederzeit möglich, wir Grünen stehen dafür."

Auch SPD-Fraktionschef Raed Saleh knüpfte sich die Koalitionspartner vor

Vize-Regierungschef und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) twitterte, die SPD habe ein "erstaunliches Bild von sich selbst". "Die SPD Berlin kann sich gar nicht vorstellen, dass jemand mal in irgendeiner Frage anderer Ansicht ist als sie. Also jedenfalls niemand mit Verstand." Müllers Auftritt erinnere "an einen Autofahrer, der durch lautes Hupen und sich quer auf die Fahrbahn stellen den Stau "wegmachen" will".

Auch Fraktionschef Raed Saleh knüpfte sich die Koalitionspartner vor. Beim dringend nötigen Wohnungsbau sei die zuständige Senatorin Katrin Lompscher (Linke) "bemüht", sagte er. "Aber da ist noch Luft nach oben." Und: Permanent streiten auf offener Bühne die Linken und Grünen über das Thema Obdachlosigkeit." Nun müsse endlich alles getan werden, "dass wir die Obdachlosigkeit von der Straße bekommen". Der Umgang mit den Schwächsten der Gesellschaft sei derzeit "beschämend".

Zwischen SPD, Linke und Grünen gibt es im Senat immer wieder Streit und Fingerhakeln

Hintergrund der SPD-Attacken ist das anhaltende Umfragetief. Zuletzt lagen die Sozialdemokraten in den Erhebungen bei 15 bis 17 Prozent und damit hinter ihren Regierungspartnern Linke und Grüne. Sie sind deshalb bemüht, mehr eigenes Profil herauszustellen. "Die Umfragen sind scheiße, ist doch keine Frage", sagte Müller dazu. Die SPD habe Konzepte, sie müssten nur wirksam und sichtbar werden.

Zwischen SPD, Linke und Grünen gibt es im Senat seit längerem immer wieder Streit und Fingerhakeln. Folge: Die Partner, die sich 2016 eigentlich Zusammenarbeit auf Augenhöhe geschworen hatten, werfen sich bei wichtigen Projekten gegenseitig Steine in den Weg.

Probleme gibt es beim Flächennutzungsplan für ein Areal am Westkreuz

Aktuell liegt dort neben dem SPD-Projekt Polizeigesetz eine von den Grünen forcierte Bundesratsinitiative mit dem Ziel auf Eis, Schwarzfahren in Bus und Bahn von der Straftat zur Ordnungswidrigkeit herabzustufen. Dem Vernehmen nach könnte sich auch der neue Stadtentwicklungsplan - für den Lompscher verantwortlich zeichnet - verzögern.

Die grüne Seite wiederum blockiere den Wunsch von Innensenator Andreas Geisel (SPD), die Special Olympics nach Berlin zu holen, heißt es. Probleme gibt es überdies beim Flächennutzungsplan für ein Areal am Westkreuz und der Frage, ob dort nur ein Park oder auch Wohnungen entstehen sollen.

Im Video: CSU feiert sich auf Europa-Parteitag und patzt bei der Nationalhymne

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Bundesgericht hebt Verfügung auf - Gedenkfeiern zu Putsch-Jahrestag in Brasilien dürfen doch stattfinden

Bundesgericht hebt Verfügung auf: Gedenkfeiern zu Putsch-Jahrestag in Brasilien dürfen doch stattfinden

Die umstrittenen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Militärputsches in Brasilien dürfen nun dochstattfinden. Ein Bundesgericht hob am Samstag die einstweilige Verfügung auf, mit der eine Richterin die geplanten Zeremonien untersagt hatte.

Der Tagesbefehl, der am Sonntag in den Kasernen des südamerikanischen Landes verlesen werden soll, sei nicht rechtswidrig, teilte das Gericht mit.

Anfang der Woche hatte ein Sprecher des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro erklärt, das Verteidigungsministerium sei angewiesen worden, "angemessene Feierlichkeiten" am 31. März zu organisieren. Der Coup gegen den damaligen Präsidenten João Goulart hatte 1964 eine 21 Jahre dauernde Diktatur eingeleitet. Laut der später eingesetzten Wahrheitskommission wurden während der Militärherrschaft 434 Menschen getötet oder verschleppt.

Später ruderte Bolsonaro etwas zurück. "Es geht nicht um eine Feier", sagte der Ex-Militär. "Sondern darum, sich zu erinnern, zu überprüfen, zu sehen, was falsch und was richtig war. Und das dann für das Wohl Brasiliens in der Zukunft zunutzen." Der frühere Fallschirmjäger hatte in der Vergangenheit immer wieder Sympathien für die Militärdiktatur geäußert.

Menschenrechtsgruppen kritisierten den Wortlaut des Tagesbefehls für Sonntag, der die Verbrechen der Militärdiktatur nicht erwähnt. "Die Streitkräfte beteiligen sich an der Geschichte unseres Volkes, immer im Einklang mit dessen legitimen Wünschen", heißt es in dem Text. "Der 31. März 1964 fand während des Kalten Krieges statt. Die Streitkräfte erhörten den Ruf der großen Mehrheit des Volkes und nahmen sich der Stabilisierung der Lage an."

Im Video: Automatische Tempobremse in Neuwagen: EU will Rasern endgültig den Garaus machen

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Neue Bertelsmann-Umfrage - CDU und SPD unter Druck: Warum die Rettung der Volksparteien schwierig wird

Neue Bertelsmann-Umfrage: CDU und SPD unter Druck: Warum die Rettung der Volksparteien schwierig wird

    Sind die Volksparteien noch zu retten? Dieser Frage mussten sich CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und SPD-Chefin Andrea Nahles beim „Polittalk aus der Hauptstadt“ stellen. Eine Umfrage zeigt jetzt, warum die Rettung schwierig wird.

    Wer sich Volkspartei nennt, der sollte den Anspruch haben, alle gesellschaftlichen Gruppen zu vertreten – zumindest, wenn es nach der geläufigen Definition geht. Die großen deutschen Parteien CDU/CSU und SPD müssen allerdings immer mehr um ihre Stellung als Volksparteien fürchten. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von RBB-Inforadio, „Süddeutscher Zeitung“ und Bertelsmann-Stiftung.

    Zeit der großen Volksparteien ist vorbei

    Union und SPD haben seit der vergangenen Bundestagswahl bereits kräftig Anhänger eingebüßt. Sollten sie weiter Anhänger, und damit auch Wähler, verlieren, wäre das aus Sicht von 43 Prozent der Befragten schlecht für Deutschland.

    Eine überwiegende Mehrheit von 76 Prozent sagt, diese Entwicklung werde es immer schwieriger machen, Regierungen zu bilden. 69 Prozent glauben, dass es für die Regierungsbildung künftig drei oder mehr Parteien brauchen werde, sollten Union und SPD weiter Wählerstimmen verlieren. Zudem sind die Befragten der Meinung, dass das Schwächeln der Volksparteien auf lange Sicht Koalitionsverhandlungen und die Umsetzung größerer politischer erschweren werde.

    54 Prozent der Befragten sind sogar der Meinung, dass Union und SPD nicht mehr zu alter Stärke zurückfinden werden und die Zeit der großen Volksparteien vorbei sei.

    Union schneidet deutlich besser ab

    Die Gründe, warum sie an Zustimmung verlieren, sind vielfältig. Bemerkenswert ist, dass Union und SPD jeweils für sich betrachtet ganz unterschiedlich bewertet werden. Etwa 54 Prozent der Befragten sind der Meinung, die SPD verspreche zwar vieles, könne ihre Versprechen aber meist nicht halten – bei der CDU/CSU sind es „nur“ rund 49 Prozent.

    Gehaltscheck: Zum Brutto-Netto-Rechner 2019

    Mehr als 45 Prozent sagen, die Sozialdemokraten haben keine klare Linie in ihrer Politik. Deutlich besser sieht es bei der Union aus: Etwa 27 Prozent sind der Meinung, die CDU/CSU verfolge keine klare politische Linie.

    Volksparteien reden an den Menschen vorbei

    Nur rund jeder Vierte ist der Meinung, die SPD betreibe eine Politik der Mitte (CDU/CSU 37 Prozent). Immerhin knapp 31 Prozent glauben, die Sozialdemokraten seien thematisch breit aufgestellt und haben zu allen wichtigen Fragen eine Position. Bei der Union sind es sogar 38 Prozent.

    Aber nicht in allen Belangen schneidet die Union besser ab. Der Aussage, die SPD rede oft an den wirklichen Sorgen und Wünschen der Bevölkerung vorbei, stimmen knapp 38 Prozent zu. Bezogen auf die CDU/CSU sind es ganze 51 Prozent.

    Dabei ist den Bürgern besonders wichtig, dass Parteien den Anspruch haben, möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen anzusprechen. Mehr als 62 Prozent würden eher eine Partei wählen, die dieses Kriterium erfüllt, als eine, die nur bestimmte Gruppen vertritt.

    Blick in die Zukunft verheißt nichts Gutes

    Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, würden Union und SPD zusammen auf gerade einmal 48 Prozent kommen. Die Sozialdemokraten würden mit 18 Prozent sogar schlechter abschneiden als die Grünen (19 Prozent) – so die Zahlen des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Bei der vergangenen Bundestagswahl erhielten die CDU/CSU und die SPD zusammen 53,4 Prozent der Stimmen.

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    Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Offenbar setzen die Bürger nicht viel Hoffnung in die großen Volksparteien, wie die Bertelsmann-Umfrage zeigt. Nur 3,8 Prozent glauben, dass es mit der CDU/CSU wieder bergauf gehen werde. Bei der SPD sind es immerhin sechs Prozent. Neun Prozent der Befragten sind der Meinung, die SPD mache Politik für die Zukunft. Bei der CDU sind es sogar nur sieben Prozent.

    Parteichefinnen bleiben optimistisch

    Immerhin jeder Zehnte glaubt, dass Union und SPD Optimismus ausstrahlen. Ob die Parteichefinnen Annegret-Kramp-Karrenbauer (CDU) und Andrea Nahles (SPD) die Volksparteien noch retten können, wird sich zeigen. Beim „Polittalk aus der Hauptstadt“ von RBB-Inforadio, „Süddeutscher Zeitung“ und Bertelsmann-Stiftung zeigten sich die beiden Frauen an der Spitze jedenfalls optimistisch.

    Im Video: Union und SPD schwächeln – Opposition holt auf

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    Verschiedene Modelle - Deutsche Unternehmen lassen Mitarbeiter selbst über Gehalt entscheiden

    Verschiedene Modelle: Deutsche Unternehmen lassen Mitarbeiter selbst über Gehalt entscheiden
    Das sagt dein Chef vielleicht demnächst zu dir. Diese deutschen Unternehmen denken das Thema Gehalt neu – und lassen die Mitarbeiter mitentscheiden.

    Gehaltsverhandlungen sind zäh und werden nicht selten mit harten Bandagen geführt. Nicht umsonst heißt das Ganze bei den Gewerkschaften auch »Arbeitskampf«, und wenn Piloten, Lokführer oder Klinikpersonal streiken, dann ziehen sie zusätzlich zum Unverständnis des Arbeitgebers meist auch noch den Zorn des ganzen Landes auf sich.

    Dabei ist ein als fair empfundenes Gehalt wichtig – für alle. Denn eine unfaire Bezahlung kann Arbeitnehmer auf Dauer sogar krank machen, belegt eine Studie. Und Arbeitgeber verlieren schneller wertvolle Mitarbeiter, denn unfaire Bezahlung steht ganz oben auf der Liste potenzieller Kündigungsgründe.

    Gibt es also einen Weg, den Konflikt rund ums Gehalt friedlich zu lösen, ganz ohne Gebrüll, Zurückweisungen, Scham und Verletzungen?

    Ja, gibt es, sagt Eugen Friesen. Er arbeitet bei der Kommunikationsagentur Wigwam in Berlin-Wedding, zusammen mit 19 Kollegen und Kolleginnen. Seit dem Jahr 2016 wird hier ein »Wunschgehalt« gezahlt, das alle gemeinsam beschlossen haben.

    Das ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Gehalt heute ganz neu zu denken.

    Auch »Wünsch dir was« ist kein Ponyhof

    Wigwam macht Kommunikation, aber nach eigenen Angaben nur für »das Gute«. Was das ist, bestimmen die Mitarbeiter untereinander von Fall zu Fall – vom Flüchtlingshilfswerk der UNO über Wahlkämpfe der Grünen bis hin zu Projekten für das Rote Kreuz.

    Damit, auch den Verdienst von Fall zu Fall zu bestimmen, fühlte sich das Team aber nicht wohl, weil es dann zu sehr auf die Verhandlungsstärke jedes Einzelnen angekommen wäre. Früh entschloss sich die genossenschaftlich geführte Firma deshalb,[*] beim Gehalt etwas grundsätzlich anders zu machen. Das führte zu langen Debatten – die auch für die Mitarbeiter sehr lehrreich waren, erinnert sich Eugen Friesen. Das Ergebnis: ein Wunschgehaltsmodell. Jeder Mitarbeiter überlegt sich, was er oder sie am Ende des Monats auf dem Konto haben möchte und schreibt es in eine Tabelle. Alle können sehen, wie sich die anderen einschätzen und sich auch daran orientieren. Rechtfertigen muss sich aber niemand für seinen Wunsch. Das hat die Wigwam-Belegschaft ganz bewusst so festgelegt. Nach der ersten Wunschrunde gab es dann eine Überraschung.

    »Wir haben festgestellt, dass wir nur 20% über dem Betrag lagen, den wir in unserem Gehaltstopf hatten«, sagt Eugen Friesen. Also entschieden alle, dass jeder erst mal 80% seines Wunschgehaltes bekommt. Und wenn mehr Geld in den Wigwam gespült wird, rückt auch jeder Mitarbeiter ein paar Prozent näher an seine gewünschte Summe heran. Bisher ist noch keiner angekommen. So wird aus dem Wunschgehalt ein Zukunftsgehalt.

    Denn Wigwam hat wie viele Unternehmen mit klaren moralischen Vorstellungen schmale Budgets. Die Gefahr einer Selbstausbeutung für die gute Sache ist dem Team dabei klar. Deshalb war Eugen Friesen und seinen Mitarbeitern auch eine Gehaltsuntergrenze wichtig: »Das waren 2.700 Euro brutto für eine Vollzeitstelle, weniger sollte niemand bekommen.«

    Immer wieder wägt Wigwam in Teambesprechungen ab, ob sich die Mitarbeiter mit dem Verdienst gerecht bezahlt fühlen und ob das Geld für ein gutes Leben reicht. Ein Ergebnis dabei: Einfach Werbung für Großkonzerne machen wie alle anderen wollen sie nicht – auch wenn das Wunschgehalt dann noch etwas weiter weg ist.

    Eugen Friesen sieht das so: »Es spielt auch viel Selbstreflexion mit rein. Man stellt fest, dass es eben nicht nur um Geld geht. Es ist ein entscheidender, wichtiger Faktor für die Zufriedenheit, aber es gibt auch andere Dinge, die hinzukommen, wie die eigenen Aufgaben und der Wertekontext.«

    Gehör zu finden, Reflexion und Mitgestaltung gehören also zum Wunschgehalt dazu. Sind diese Faktoren am Ende vielleicht sogar wichtiger als das, was wirklich auf dem Gehaltszettel steht? Untersuchungen belegen jedenfalls, dass die Sinnhaftigkeit der Arbeit eine extrem wichtige Rolle bei der Zufriedenheit im Job und der Gesundheit spielt.

    Mancher wird jetzt einwenden: Klar, bei einer jungen, hippen Agentur geht das vielleicht »sinnhaft«, aber funktionieren alternative Gehaltsmodelle auch bei größeren Unternehmen in anderen Branchen? Ja tun sie, das zeigt sich im schwäbischen Leutkirch.

    Der Bauchladen der Möglichkeiten

    In Leutkirch stellt die Firma elobau Sensortechnik her und beschäftigt mehr als 700 Mitarbeiter. Ein klassischer deutscher Mittelständler, der aus der Provinz Technik in alle Welt liefert und vor einigen Jahren vor einem Problem stand: Eine interne Umfrage brachte zutage, dass sich 65% der Mitarbeiter in der Produktion mit dem alten Akkordlohn ungerecht bezahlt fühlten. 18 Monate tüftelten 56 Mitarbeiter an einem neuen Modell. Heute gibt es ein Basisgehalt, das für alle gleich ist; wer besonders pünktlich ist, kann einen Bonus bekommen. Zudem gibt es eine Erfolgsbeteiligung für alle, wenn es der Firma gut geht. 96% der Mitarbeiter sind seitdem zufrieden.

    Und die Deutsche Bahn ist in diesem Bereich ausnahmsweise mal nicht mit Verspätung unterwegs, sondern manch anderen sogar eine Loklänge voraus. Nach neueren Tarifabschlüssen gibt es hier schon seit dem Jahr 2016 etwas mehr Selbstbestimmung für die Angestellten. Hier können sich Mitarbeiter zwischen mehr Geld, mehr Urlaub oder weniger Wochenarbeitszeit entscheiden. Der Grundstein für dieses Modell wurde in Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften gelegt. Über die Hälfte der Mitarbeiter wählte für das Jahr 2018 übrigens die Option von 6 Tagen mehr Urlaub aus.

    Das zeigt: Alternative Entlohnungsmodelle funktionieren auch für größere Unternehmen und sind bereits weiter verbreitet, als mancher denkt. Und die Möglichkeiten sind im Prinzip unbegrenzt. Dennoch gibt es einige Varianten, denen man immer wieder begegnet, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

    • Wunschgehalt oder Zukunftsgehalt: Das Modell von Wigwam. Jeder Mitarbeiter legt für sich ein Wunschgehalt fest, auch wenn es zum gegebenen Zeitpunkt vielleicht unrealistisch ist. Das Gehalt kann dann mit wachsendem Firmenerfolg nach oben angepasst werden – etwa als prozentuale Steigerung, die an den Unternehmensgewinn gebunden ist. Vorteil für das Unternehmen: Jeder hat dann ein konkretes Interesse am Erfolg der Firma. Transparenz ist wichtig in diesem Prozess, so wissen Mitarbeiter auch, welche Lohnansprüche realistisch sind. In jungen und kleinen Unternehmen kann der Mitarbeiter gemeinsam mit der Firma wachsen. Der Erfolgsbonus ist also gleich mitgedacht. Der Nachteil: Das Gehalt lässt sich meist nur Stück für Stück realisieren. Dauert es zu lange, bis das Wunschgehalt wahr wird, könnte der Ansatz auch nach hinten losgehen.
    • Selbst gewähltes Gehalt: Dieses Modell ist eine Schwester des Wunschgehalts. Einige Unternehmen geben ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, ihr Gehalt selbst festzulegen. In der Praxis ist dies eine Einschätzung eines jeden in seinem Bildungs- und Erfahrungskontext. Wichtig ist hierfür klare Transparenz aller Gehälter. Denn irgendwie muss der Arbeitnehmer ja wissen, was im Unternehmen üblich ist und was die Kollegen verdienen. Außerdem hilft es, wenn alle wissen, wie das Unternehmen finanziell aufgestellt ist. Am Ende möchte kein Arbeitnehmer seinen Arbeitgeber in den Ruin treiben. Manche Firmen setzen hier auf Gespräche der Mitarbeiter untereinander. Das soll bei der Einordnung helfen. Das selbst gewählte Gehalt zielt aber im Gegensatz zum Wunsch- oder Zukunftsgehalt darauf ab, dass es von Anfang an ohne Abstriche gezahlt werden kann. In Verbindung mit maximaler Transparenz birgt es, wie auch das Wunschgehalt, eine effektive Möglichkeit, ein Gender-Pay-Gap in einer Firma zu verhindern.
    • Gehaltsformel- oder Baukastenmodell: Das Unternehmen legt ein Basisgehalt fest sowie Kriterien, die es bestimmen und eventuell erweitern. Üblich sind dabei Ausbildung, Berufserfahrung, Arbeitsleistung, aber auch Pünktlichkeit oder Umweltbewusstsein. Welche Kriterien maßgeblich sind, entscheiden die Unternehmen mit ihrer Belegschaft gemeinsam. Die Vorteile: Ein Mitarbeiter kann klar nachvollziehen, welches persönliche Verhalten sich wie auf das Gehalt auswirkt. Es gibt klare Regeln, die man befolgen kann, was sich dann wiederum direkt auf den Lohn auswirkt. Bei Arbeitnehmern mit Kindern ist allen klar, warum sie mehr Geld benötigen als jemand, der alleinstehend ist. Die Nachteile: Das Modell setzt eine gewisse Solidarität voraus. Wenn jemand mehr Leistungen erhält, weil er oder sie beispielsweise einen Familienangehörigen pflegt oder aber Kinder hat, muss der Rest der Belegschaft das mittragen. Ein solcher Baukasten benötigt außerdem viel Arbeit bei der Erstellung und der Pflege. Bei elobau dauerte der Prozess hin zu einem baukastenartigen Gehaltsmodell 18 Monate.
    • Einheitsgehalt: Jeder verdient exakt das Gleiche. Das setzt voraus, dass die Hierarchien sehr flach sind und jeder diese Art der Bezahlung als gerecht empfindet. In manchen Varianten ist der Firmeninhaber davon ausgenommen. Auch das kann eine Belegschaft als fair empfinden, wenn man sich einig ist, dass der Unternehmer mehr Verantwortung trägt und deswegen auch mehr verdienen sollte. Allerdings kann ein solches Einheitsgehalt allein nicht flexibel auf spezialisierte Arbeitsbereiche oder schwankende Wochenstundenzahlen eingehen.
    • Wahlmodell: Das Modell der Deutschen Bahn (DB) wird im Tarifvertrag als Wahlmodell bezeichnet. Mitarbeiter haben die Möglichkeit, statt einer Gehaltserhöhung mehr Urlaub oder eine geringere Wochenarbeitszeit zu wählen. Auf diese (hier im Tarifabschluss) festgelegten Verbesserungen hat jeder gleichermaßen Anspruch und kann sich in festgelegten Abständen neu entscheiden. Das eigentliche Basisgehalt ist im Fall der DB aber so wie im jeweiligen Arbeitsvertrag vereinbart. Es ist also kein komplettes Modell, sondern eine Überlegung, wie der Tarifabschluss individueller nach den Bedürfnissen des Einzelnen umgesetzt werden kann. Die Zeiten, in denen ein Tarifvertrag auf alle Arbeitnehmer gepasst hat und diese damit zufrieden waren, sind auch nach Ansicht vieler Gewerkschaften vorbei. Eine ähnliche Regelung gibt es auch im Tarifabschluss der IG Metall.

    Die Modelle tauchen selten in Reinform auf. Versatzstücke des einen mischen sich mit denen von anderen Varianten, manche gehen fließend ineinander über, wie selbst gewähltes Gehalt und Wunschgehalt. Welches Modell für welchen Betrieb passt, kann jedes Unternehmen dabei nur selbst entscheiden. Manchmal können auch Komponenten unterschiedlicher Modelle sinnvoll sein, oder ganz neue, kreative Wege und Möglichkeiten werden entdeckt.

    Gut, dass es Experten gibt, die Unternehmen dabei auf die Sprünge helfen können.

    Der Weg zum Glück ist entscheidend

    Nadine Nobile begleitet Firmen bei Veränderungsprozessen und veröffentlicht im Juni 2019, gemeinsam mit zwei Co-Autoren, ein Buch zum Thema »New Pay«,[*] also zu alternativen Vergütungsmodellen.

    »Es gibt nicht die perfekte Lösung oder die gerechte Lösung«, sagt sie. »Es gibt nur ein Höchstmaß an gefühlter Fairness, das ein Vergütungsmodell erreichen kann. Die Frage nach Gerechtigkeit ist eine philosophische Frage, die jeder Mensch und jede Organisation sich anders beantworten wird.«

    Um diese Antwort zu erhalten, ist es wichtig, viel miteinander zu sprechen. Es braucht Klarheit darüber, was jeder Einzelne unter Fairness versteht, welche Bedürfnisse jeder Mitarbeiter hat. Eine Beteiligung am Prozess ist zentral, damit sich möglichst jeder im Ergebnis wiederfindet. Wichtiger als das tatsächliche Gehalt ist dabei laut Nadine Nobile der Prozess, mit dem man dort hinkommt.

    »Wenn es ums Gehalt geht, dann wird es persönlich. Dann geht es um die Werte und dann musst du dich damit auseinandersetzen: Warum glaube ich, dass jetzt beispielsweise mein Master oder mein Diplom mehr wert ist als die Ausbildung eines anderen?«

    Die Antwort, die am Ende steht, ist nicht in Stein gemeißelt. Unternehmen, die es wirklich ernst mit alternativen Gehaltsmodellen meinen, werden ihre Ergebnisse immer wieder auf den Prüfstand stellen, sagt die Unternehmensbegleiterin, wie sich Nadine Nobile selbst bezeichnet.

    Dass dieser ständige Dialog um Fairness auch sehr anstrengend sein kann, ist klar. Wie viel Zeit ein Unternehmen in diesen Prozess investieren kann und möchte, ist ganz unterschiedlich. Doch Nadine Nobile sieht in alternativen Gehaltsmodellen die Zukunft:

    Organisationen, Mitarbeiter, aber auch die Gesellschaft verändern sich über die Zeit und damit verändern sich auch die Bedürfnisse. Hierarchien werden unbedeutender. Man arbeitet mehr auf Augenhöhe miteinander und damit wird auch der Aspekt der Fairness meiner Ansicht nach viel wichtiger. – Nadine Nobile, Unternehmensbegleiterin und Autorin

    Das findet auch Wigwam aus Berlin. Die Agentur wagte noch weitere Schritte für mehr Fairness: Hier ist fast jeder Arbeitnehmer gleichzeitig auch Teilhaber des Unternehmens (Genossenschaft), der Männer- und Frauenanteil ist ausgeglichen und ein Gender-Pay-Gap existiert nicht.

    Trotzdem geht auch in Berlin die Arbeit am Modell weiter, wie Eugen Friesen berichtet: »Wir stellen immer wieder fest, dass es Baustellen gibt, die wir noch nicht geschlossen haben. Zum Beispiel wenn neue Mitarbeiter hinzukommen, die den Prozess hin zum Wunschgehalt nicht mit uns durchlebt und mitgestaltet haben. Oder es gibt manchmal eine Person, die ein wichtiges Anliegen hat, und dann liegt es an der Eigenverantwortung, das auch zu artikulieren, selbst wenn andere gerade keine Notwendigkeit sehen, drüber zu sprechen.« Möglichkeiten dazu gibt es beim monatlichen Teamtreffen.

    Das zeigt: Auch wenn alternative Gehaltsmodelle wie »Wunschgehälter« teils paradiesisch klingen, zum Nulltarif sind sie nicht zu haben. Die Beispiele aus Deutschland zeigen aber auch: Jedes Unternehmen kann sich diesem Prozess auf unterschiedliche Art öffnen und es zu einem echten Pluspunkt für sich und die Mitarbeiter machen.

    Dieser Text ist Teil unserer Serie »So arbeiten wir 2029«

    Alle mit einem [*] markierten Stellen sind im Original mit mehr Informationen versehen.

    Dieser Artikel wurde verfasst von Benjamin Fuchs

    Im Video: CSU feiert sich auf Europa-Parteitag – doch bei der Nationalhymne kommt es zum Patzer

    *Der Beitrag "Deutsche Unternehmen lassen Mitarbeiter selbst über Gehalt entscheiden" stammt von Perspective Daily. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.

    Perspective-daily.de
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    Parteiführung distanziert sich - Entsetzen in der Partei: SPD-Mann lädt Sarrazin zu Wahlkampfveranstaltung ein

    Parteiführung distanziert sich: Entsetzen in der Partei: SPD-Mann lädt Sarrazin zu Wahlkampfveranstaltung ein

    In den Wahlkampf gehen mit Thilo Sarrazin? Der Thüringer SPD-Politiker Oskar Helmerich hält das für eine gute Idee. Der aus der AfD zu den Sozialdemokraten gewechselte Landtagsabgeordnete wollte mit Sarrazin eine Lesung abhalten. Die Kritik aus der Parteiführung folgt prompt.

    Mit einer geplanten Veranstaltung mit dem umstrittenen Autor und früheren Politiker Thilo Sarrazin (SPD) hat der thüringische SPD-Landtagsabgeordnete Oskar Helmerich scharfe Kritik aus seiner Partei auf sich gezogen. Die für den 22. Mai geplante Lesung aus Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme“ sei „ein unabgesprochener Alleingang von Oskar #Helmerich, keine Veranstaltung der Thüringer SPD“, schrieb SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee am Samstag auf Twitter. „Ich distanziere mich ausdrücklich und scharf von ihm und den islamfeindlichen Aussagen.“

    Derzeit läuft ein drittes Parteiausschlussverfahren der SPD auf Bundesebene gegen Sarrazin, der früher auch Finanzsenator in Berlin und Bundesbankvorstand war. Nach der Veröffentlichung des Buchs, in dem Muslime als Bedrohung dargestellt werden, hatte die SPD-Spitze den 74-Jährigen erst aufgefordert, die Partei freiwillig zu verlassen.

    „Sarrazin ist ein Rassist“

    Auch die Thüringer Jusos forderten, die Veranstaltung abzusagen. „#Sarrazin ist ein Rassist. Seine Thesen haben den Hass stärker gemacht und die Neue Rechte beflügelt. Sie sind das Gegenteil von Sozialdemokratie“, twitterte Juso-Chef Oleg Shevchenko.

    Oskar Helmerich, der zunächst für die AfD im Landtag saß und im Streit um den Kurs von Landeschef Björn Höcke zur SPD wechselte, hatte Sarrazin zu der Lesung in Erfurt mit anschließendem Streitgespräch eingeladen - vier Tage vor der Europawahl am 26. Mai und wenige Monate vor der Thüringer Landtagswahl am 27. Oktober.

    „Die Einladung ist eine Maßnahme, die in das politische Konzept der Thüringer SPD passt, um Wähler zu werben, die zur AfD abgewandert sind“, sagte Helmerich am Freitag der „Thüringer Allgemeinen“. Eine Parteiausschlussdebatte gegen sich befürchte er nicht, sagte er der Zeitung. Im Thüringer Landtag hat die rot-rot-grüne Regierungskoalition derzeit nur eine Stimme Mehrheit.

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    - Gaza: Wege und Umwege der Proteste

    Gaza: Wege und Umwege der Proteste
    Seit einem Jahr demonstrieren Palästinenser in Gaza gegen die Blockade durch Israel. Das israelische Militär schießt scharf und rechtfertigt sich: Die Bewegung werde von der Hamas missbraucht.

    Friedlich hatten die Proteste zehntausender Palästinenser am Grenzzaun zu Israel werden sollen, so eine Vereinbarung zwischen Israel und der im Gazastreifen regierenden Hamas. Doch daraus wurde nichts: Nach palästinensischen Angaben ist ein 17 Jahre alter junger Mann bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten erschossen worden. Zudem seien mindestens 244 Palästinenser verletzt worden, darunter zehn durch Schüsse, so das Gesundheitsministerium in Gaza und der Rettungsdienst Roter Halbmond am Samstag. Bereits am Morgen war ein Palästinenser seinen Verletzungen erlegen, die er bei Konfrontationen am Vorabend erlitten hatte.

    Damit ist eine der wichtigsten Vereinbarungen zwischen Israel und der Hamas gefährdet. Nach der jüngsten Eskalation hatten sich einem Bericht der israelischen Zeitung "Haaretz" zufolge am Freitag beide Seiten auf Zurückhaltung verständigt. Die Hamas würde die Demonstranten davon abhalten, unmittelbar bis zum Zaun vorzudringen. Im Gegenzug würde die israelische Armee auf den Einsatz von Waffen so weit wie möglich verzichten.

    Diese Abmachung, so ein namentlich nicht genannter Vertreter der Palästinenser gegenüber "Haaretz", sei von weiteren Vereinbarungen flankiert. So würde Israel die Übergänge zum Gazastreifen wieder öffnen, die den Palästinensern zugestandene Fischereizone erweitern und die Einschränkungen der Gütereinfuhr in den Gazastreifen aufheben. Tatsächlich, so "Haaretz", wolle Israel den Bewohnern Gazas durch einige Erleichterungen entgegenkommen. Dies soll zumindest bis zum 9. April geschehen, dem Tag der israelischen Parlamentswahlen. Bis dahin will die israelische Regierung Unruhen im Gazastreifen nach Möglichkeit vermeiden.

    Israels Militär in der Kritik

    Gelänge es, die Vereinbarung trotz der gewaltsamen Zwischenfälle am Samstag aufrechtzuerhalten, würde dies einen neuen Akzent im Umgang beider Seiten mit den seit einem Jahr anhaltenden Demonstrationen der Palästinenser am Zaun zu Israel setzen - einem Zaun, der keine offizielle Landesgrenze markiert, weil Palästina international nicht als Staat anerkannt ist.

    Am 30. März 2018 hatten sich dort erstmals Demonstranten versammelt, um gegen die Blockade des Gazastreifens zu protestieren, die Israel verhängt hat und die Ägypten ebenfalls aufrechterhält. Der 30. März gilt den Palästinensern als "Tag der Erde". Er erinnert an den Tod sechs israelischer Palästinenser am 30. März 1976, die gegen die Enteignung ihres Bodens demonstrierten und von Sicherheitskräften erschossen wurden.

    Die Gewalt jenes Tages setzte sich auch beim "Marsch der Rückkehr" in Gaza fort: Seit Beginn der Proteste vor einem Jahr wurden nach Auskunft des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) bis zum 22. März dieses Jahres 195 Palästinenser getötet und 29.000 Bewohner Gazas verletzt. Das UNRWA macht für sämtliche Fälle das israelische Militär verantwortlich. Laut Nachrichtenagenturen gab es in den vergangenen zwölf Monaten knapp 260 palästinensische und zwei israelische Opfer.

    Auch die israelische, für Aussöhnung mit den Palästinensern arbeitende Menschenrechtsorganisation B'Tselem erhebt in einer Erklärung vom März dieses Jahres schwere Vorwürfe gegen das israelische Militär. Die Todesfälle seien "ein direktes Resultat der offenbar ungesetzlichen Schießbefehle, die den Soldaten vor Ort gegeben wurden". Zugleich forderte B'Tselem die internationale Staatenwelt auf, dieses Vorgehen zu verurteilen. "Die internationale Gemeinschaft muss ihre gesamte Macht und ihren Einfluss geltend machen, um Israel zu zwingen, das Feuer einzustellen und seine Politik zu verändern."

    Hamas und die Protestbewegung

    Das israelische Militär verteidigt sich auf seiner Website. Die dort aufgeführten Argumente führen direkt in das Herz der Debatte um die Ursprünge der Protestbewegung in Gaza.

    Die Demonstrationen, erklärt in dem unabhängigen Internetportal "+972" der palästinensische Politanalyst Tareq Baconi, seien ursprünglich von einer Gruppe von rund 20 überwiegend säkular oder linken Aktivisten ausgegangen. Viele Palästinenser hätten diese Aktionen mit großen Hoffnungen beobachtet, da sie eine neue politische Kultur zeigten. "Die Palästinenser befinden sich an einer Wegscheide", so Baconi. "Anstatt ihren Staat zu fordern, fordern sie nun ihre Rechte. Es ist eine Entwicklung hin zu einer Bürgerrechtsbewegung, und Gaza weist dabei den Weg."

    Dann aber, so Baconi weiter, habe die Hamas die Führung der Bewegung übernommen. "Ich glaube, die Hamas interveniert in allem. Aber die Hamas stattete die Bewegung auch mit der nötigen Infrastruktur aus, so dass sie expandieren konnte."

    Die Argumente der Armee

    Diese Analyse deckt sich - wenn auch eher unfreiwillig - mit der des israelischen Militärs, der Israeli Defensive Forces (IDF). Die Hamas habe die Bewegung gekapert, so die Darstellung der IDF. Sie sehen die Hamas als hochgradig gefährliche Organisation.Im gesamten Jahr habe die Hamas über 1300 Raketen und Mörser auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Zudem hätten die IDF seit Ende 2017 insgesamt 17 Tunnel neutralisiert, viele davon in Grenznähe. Durch die Tunnel gelangen Dinge des täglichen Lebens ebenso in den blockierten Gazastreifen wie Waffen.

    Die Hamas habe die (so die IDF) "angeblich" zivile Initiative am Grenzzaun unterwandert. Demonstranten hätten bald Molotowcocktails, Granaten und andere explosive Gegenstände abgefeuert. "Unter dem Schutz dieser Gewalt kam es auch zu Durchbrüchen in die israelische Verteidigungsinfrastruktur, gefolgt von Infiltrationen auf israelisches Territorium und Angriffe auf Kräfte und Positionen der IDF wie auch auf die militärische Infrastruktur. Diese Durchbrüche drohten sich zu Massendurchbrüchen in die Sicherheitsinfrastruktur und eine massenhafte Infiltration nach Israel zu entwickeln." Dem hätten die IDF vorgebeugt.

    Auch nutze die Hamas die hohen Opferzahlen zu propagandistischen Zwecken. Ziel sei es, die Einsätze des Militärs zu delegitimieren.

    Die Zukunft der Proteste

    Offen ist, wie sich die Demonstrationen langfristig entwickeln. Die Proteste seien für die Hamas durchaus riskant, schreibt die israelisches Tageszeitung "Haaretz" mit Blick darauf, dassbessere Lebensbedingungen im Mittelpunkt der Bewegung "Wir wollen leben" stehen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich auch die Demonstrationen am Grenzzaun irgendwann gegen die Hamas wenden.

    Autor: Kersten Knipp

    *Der Beitrag "Gaza: Wege und Umwege der Proteste" stammt von Deutsche Welle. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.

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    Analyse unseres Partner-Portals "Economist" - Gerissene Autokraten: Wie arabische Regime die neuen Proteste unterdrücken

    Analyse unseres Partner-Portals "Economist": Gerissene Autokraten: Wie arabische Regime die neuen Proteste unterdrücken

      Das Mantra des arabischen Frühlings ist zurückgekehrt. "Die Menschen wollen, dass das Regime verschwindet", sangen hunderttausende Demonstranten in Algerien. Sie haben gehofft, dadurch die 20 Jahre andauernde Herrschaft von Abdelaziz Bouteflika beenden zu können.

      Ihr Aufschrei hallte im Sudan wider. Die drei Monate andauernden Demonstrationen haben das Regime von Omar al-Bashir, dem Anführer der letzten drei Jahrzehnte, ins Wanken gebracht. Demonstranten im Irak, in Jordanien, im Libanon, in Marokko, in Tunesien und in den palästinensischen Gebieten haben kürzlich auch besseres Regierungshandeln gefordert. Fünf Jahre nachdem die Obrigkeit der Region sie zum Schweigen gebracht hat, haben die Menschen auf den arabischen Straßen ihre Stimme zurückgewonnen.

      Dadurch wurde die Diskussion über eine Fortsetzung des arabischen Frühlings wieder angeheizt. Wie schon 2011 waren die Proteste auch diesmal spontan, integrativ und es gab keine Anführer. Es sind die gleichen Missstände, die auch heute wieder für Unruhen sorgen. Aber der Kontext könnte nicht gegensätzlicher sein.

      Das Chaos und die Kriege, die auf den arabischen Frühling folgten, haben dafür gesorgt, dass die Begeisterung unter den Aktivisten und ihren regionalen Förderern schwindet.  Gleichzeitig haben die Autokraten ihre Unterdrückungsstrategie noch verschärft, um die Proteste in ihrer Heimat niederzuschlagen und um zu verhindern, dass sich die Demonstrationen auf andere Gebiete ausweiten. "Sie haben die gesamte Region umgepolt, um einen weiteren arabischen Frühling zu verhindern", sagt Marc Lynch von der George Washington Universität.

      Bündnis mit Syrien und al-Assad

      Die Türkei, der Iran und Katar haben 2011 dabei geholfen, das Gedankengut zu verbreiten. Aber ihre eigenen Sicherheitsbedenken haben ihre Ambitionen für die Region überschattet. Die Vormachtstellung von Präsident Recep Tayyip Erdogan wurde durch die Proteste 2013 und den Putschversuch drei Jahre später noch gefestigt. Das islamistisch geprägte demokratische Modell, das er einst propagiert hat, ähnelt zunehmend dem autoritären Regierungssystem, das er früher verhöhnt hat.

      Irans Machthaber waren bestrebt, die Flamme des arabischen Frühlings wieder auflodern zu lassen – bis ihr Bündnis mit Syrien und Bashar al-Assad dadurch in Gefahr geriet. Auch das Regime im Iran wurde durch Proteste in der Heimat ins Wanken gebracht. Katar hat jedoch die umfangreichste Kehrtwende vollzogen. Da es von seinen Nachbarn belagert wird, braucht das Land nun jeden einzelnen Freund, den es für Geld kaufen kann. Im Februar war Bashir (Präsident Sudans, Anm. d. Red.) bei ihnen zu Gast und Katar hat kein Wort über die Probleme in Algerien verloren.

      Vor acht Jahren war Al Jazeera, der Satellitensender aus Katar, eine Plattform für den arabischen Frühling. Mit seinen fortlaufenden Berichten und mitreißenden Werbespots heizte der Sender die Proteste an und machte Geschichten für die ganze Region. Seine Berichterstattung über die Unruhen in Algerien und im Sudan - Platz zwei und drei der bevölkerungsreichsten Länder in der arabischen Welt – war jedoch dürftig.

      Nachrichtensprecher schildern die Proteste als singuläre Ereignisse, die an der Peripherie der arabischen Welt stattfinden. Einige weisen auf die Eigenheiten der algerischen Sprache hin. (Viele Araber verstehen den Dialekt nicht.) "Sie verschweigen absichtlich die Zusammenhänge", sagt Ahmed Mustafa, der die arabischen Medien in Abu Dhabi überwacht.

      Despoten, die sich die ganze Zeit gegen einen Umbruch gewehrt haben, haben die unabhängigen Medien niedergerungen. Ministerien für Information diktieren die Schlagzeilen, untersagen ausländischen Journalisten die Berichterstattung und schikanieren lokale Reporter, die nicht kooperieren wollen.

      Das digitale Duell

      Investigative Reporter und Regimekritiker werden in den staatlichen Medien häufig als Terroristen und Verräter gebrandmarkt. Einige von ihnen werden gefoltert. Saudi-Arabien hat eine "schnelle Eingreiftruppe" ins Leben gerufen, um diejenigen zu verfolgen, die fliehen wollen. Wie beispielsweise Jamal Khashoggi, einen ehemaligen saudischen Zeitungsredakteur, der in Saudi-Arabiens Konsulat in Istanbul ermordet und zerstückelt wurde.

      Soziale Medien, der Motor des arabischen Frühlings, sorgen immer noch dafür, dass Menschen in Scharen auf die Straße gehen. Algerien weist eine der höchsten Facebook-Nutzerzahlen der Region auf. Gekoppelt mit dem vielleicht technisch am wenigsten versierten Regime. "Ihr mangelndes Wissen hat einen Freiraum geschaffen", sagt Ashraf Zeitoon, Leiter von Facebooks Strategieabteilung in der Region.

      Trotzdem gibt es bislang keine griffigen Hashtags, die die Proteste in den verschiedenen Ländern miteinander verbinden würden. Und gerissene Autokraten wissen mittlerweile die sozialen Medien zu ihrem Vorteil zu nutzen.

      Golfstaaten richten Trollfabriken ein

      Saudi-Arabien und andere Golfstaaten haben Trollfabriken eingerichtet (Bürogebäude voller Computerfreaks, die hunderte von gefälschten Social-Media-Konten befüttern) und Bots (automatisierte Datenverarbeiter), um offizielle Diskussionsthemen unter die Leute zu bringen. Einschüchterungsversuche mittels Spionagesoftware, durch Hacker, beleidigende Kommentare oder einfach durch Inhaftierungen haben dafür gesorgt, dass es weniger opponierende Meldungen gibt.

      Die Regierungen haben zudem die altbewehrte Unterdrückung verschärft. Am Vorabend der größten Demonstration in Algerien warnte der ägyptische Präsident Abdel-Fattah al-Sisi vor "Krawalle" durch Trittbrettfahrer. Ein Politiker in Bahrain wurde kürzlich zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil er Bashirs Rücktritt gefordert hatte. Viele Länder verbieten große Versammlungen komplett. 

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      Gleichzeitig sind die Regierungen durch die vage formulierten Sicherheitsgesetze, die nach dem arabischen Frühling erlassen wurden, befähigt, vermeintliche Volksverhetzer zusammenzutreiben. "Der Einsatz von scharfer Munition, selbst bei kleinen, symbolischen Protesten, hat dafür gesorgt, dass die abweichenden Meinungen auf Null reduziert wurden", sagt Sarah Leah Whitson vom Interessenverband "Human Rights Watch".

      Weniger eng verbunden zu sein ist nicht unbedingt eine schlechte Sache für die heutigen Demonstranten. Die Leute in Algerien und im Sudan sind stolz auf ihre Unabhängigkeit und ihren Nationalismus. Wenigstens sind sie jetzt disziplinierter und lehnen Gewalt ab.

      "Wir sind nicht Syrien oder Libyen", skandieren sie in Algerien. Gleichzeitig warnen eigennützige Machthaber vor dem Chaos und dem Blutvergießen. Es sieht nicht danach aus, als würden die Demonstranten bald zu Hause bleiben. Emile Hokayem vom Internationalen Institut für strategische Studien, einer Denkfabrik aus London, bezweifelt, dass man die Demonstranten dazu bringen kann: "Dass die Welle der Straßenproteste abebbt und sich wieder aufbäumt ist in der Region zum Normalzustand geworden."

      Dieser Artikel erschien zuerst beim Economist und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

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      *Der Beitrag "Gerissene Autokraten: Wie arabische Regime die neuen Proteste unterdrücken" stammt von The Economist. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.

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